1945 - Die rote Fahne auf dem Reichstag
Berlin, am Ende der Schlacht. Die Waffen schweigen, nach einem mörderischen Krieg. Fast unwirkliche Stille. Doch vor dem zerschossenen Reichstag [Musikakzent] stürmen an diesem 2. Mai noch einmal Soldaten, allerdings nur für die Sowjetpropaganda. Was zwei Tage zuvor nicht gefilmt wurde, wird nun nachgestellt - und verklärt. O-Ton Propaganda: Die Sowjetfahne, die Fahne des Sieges, weht über dem Reichstag. Stalins Befehl ist ausgeführt. Auch ein Fotograf ist mit auf dem Dach. O-Ton Chaldeij (Voice-Over-Sprecher): Weil alle dauernd vom Reichstag redeten, habe ich mich auch dorthin durchgeschlagen. Es war ein unglaublicher Trubel vor dem Gebäude. Ich hatte mir aus Moskau extra eine Rote Fahne mitgebracht und hab mir ein paar Soldaten geschnappt: He Jungs, lasst uns da mal hochgehen! Die haben gern mitgemacht, als sie die Flagge sahen. Dann entsteht das Foto - die Ikone für den Sieg. Und diesen alten Mann hat das Ereignis in seinem Land zum hochgeschätzten Nationalhelden gemacht. Militon Kantarija hat beim Sturm auf den Reichstag die erste rote Fahne aufgepflanzt. O-Ton Kantarija (Voice-Over-Sprecher, liegt schon vor): Das ist die Fahne, die wir über Berlin gehisst haben. 1945, in Berlin rief unser Regiments- Kommandeur Oberst Simschenko mich und den Genossen Jegorow zu sich und sagte: Hier ist die Fahne, nehmt sie und hisst sie über dem Reichstag! Wir haben den Befehl wiederholt und dann nahmen wir die Fahne und gingen sie auf dem Reichstag zu hissen. Doch so unbeschwert, wie die gestellten Bilder suggerieren, war der Siegeszug keineswegs. Die Wirklichkeit der Schlacht um Berlin lässt wenig Raum für Heldenmythen. Straße um Straße kämpfen sich die sowjetischen Soldaten in das Zentrum des Reiches vor, das von Endkampf-Fanatikern bis zum Schluss erbittert verteidigt wird. zuletzt auch mit Kindern. Der Sturm der Vernichtung kehrt an seinen Ursprungsort zurück und unter dem Schlachtfeld, verschanzt hinter meterdickem Beton, entzieht sich der Mann, der diesen Krieg entfesselt hat, auf klägliche Weise der Verantwortung. Eine Zeugin: O-Ton Traudl Junge: Da haben wir gesessen, die Goebbels-Kinder und ich. Und auf einmal ertönt also dieser Schuss. Das muss so um 3 Uhr rum gewesen sein. Ich weiß es nimmer ganz genau. Jedenfalls war das ein ganz erheblicher Knall und ich weiß noch, dass der Helmut sagt: Das war n Volltreffer. da sind natürlich schon die Bombeneinschläge manchmal zu hören gewesen. Und dann hab ich gedacht: Ja, da hast du recht, das war wirklich ein Volltreffer. Und das war wohl der Schuss, der Hitlers Leben beendet hat. O-Ton Rundfunkrede: Aus dem Führerhauptquartier wird gemeldet, dass unser Führer Adolf Hitler heute Nachmittag in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei, bis zum letzten Atemzuge gegen den Bolschewismus kämpfend, für Deutschland gefallen ist. Mit Hitlers Tod fällt auch sein marodes Reich in sich zusammen. Tausende abgekämpfter Soldaten gehen in Gefangenschaft. Zeitenwende. O-Ton Inge Deutschkron: Eines Morgens war alles plötzlich so furchtbar still, wissen Sie, die Stille konnte man hören nach all den Tagen mit dem ganzen Krieg und den fürchterlichen Geräuschen des Krieges. Und ich sagte zu meiner Mutter: Sag mal, hörst du das? Da sagt ich: Ja du, ich glaub es ist Frieden. Weiße Fahnen, wo zuvor das Hakenkreuz wehte. Am 2. Mai strecken die Berlin-Verteidiger die Waffen. Für die Soldaten der Roten Armee der lange ersehnte Festtag. Sie sind nun Herren in der Hauptstadt des Feindes - nach einem Krieg, der ihr Land über 20 Millionen Menschenleben kostete. Gönnerhafte Gesten in der Stunde des Triumphs. O-Ton Lothar Loewe: Das ganze Feindbild vom sowjetischen oder bolschewistischen Untermenschen brach zusammen in dem Augenblick, als mir ein älterer russischer Soldat - wir waren ja ausgehungert, hatten tagelang nichts gegessen - ein Kochgeschirr gab mit Rinderbrühe und das, muss ich sagen, war für mich..., da brach für mich eine Welt zusammen, denn das passte nicht in mein Vorstellungsbild. Das hat Goebbels Propaganda nicht prophezeit. O-Ton Wolfgang Leonhard: Es gab, obwohl man das heute nicht wahrhaben will, eine richtige prosowjetische Strömung in der ersten Maiwoche 45 bei relativ vielen Menschen. Aber das veränderte sich dann, durch das Benehmen der russischen Truppen. Aus Befreiern werden Besatzer - mit allen bitteren Folgen. O-Ton Waltraud Hahn: Diese Russen, die sind über uns hergefallen, haben einem das Zeug vom Leib gerissen... Ja, und man musste das einfach über sich ergehen lassen, konnte sich nicht wehren. Meinen Vater und meine Mutter haben sie grün und blau geschlagen mit Pistolen... Der Terror der Sieger - für manche ihrer Mitläufer bis heute begreifbar. O-Ton Peter Florin: Eine Besatzungsarmee, das ist kein Vergnügen und das bringt immer Belastungen für die Bevölkerung mit sich und nach diesem Kriege, der mit solchen großen Verwüstungen in der Sowjetunion verbunden war, waren natürlich die sowjetischen Soldaten und Offiziere, als sie nach Deutschland kamen, keine Freunde des deutschen Volkes. Die Stunde der Niederlage. Erst nach der Kapitulation gehen vielen Deutschen die Augen auf über Verbrechen, die in ihrem Namen geschahen. O-Ton Anna Louise Reichhardt: Jetzt muss ich mich schämen, dass ich eine Deutsche bin. Und neben all dem Schrecklichen, was der Krieg gebracht hat, war dieser furchtbare, verzweiflungsvolle Gedanke, dass wir Deutschen diese schrecklichen, schrecklichen Dinge verschuldet und verursacht und veranlasst haben. Das hat mich aufs Tiefste niedergedrückt. Schmerz, Erbitterung, Verzweiflung - und Hoffnung. O-Ton Leinemann: Ich wollte überhaupt nichts mehr damit zu tun haben. Ich hatte nur das Gefühl: Als der Krieg zu Ende war, war ich 22 und hatte eigentlich nur Schreckliches erlebt. Und ich wollte von da - leben. Leben nach millionenfachem Sterben - keine Zeit für Tränen.
- Anbieter
- Zolcer TV
- Jahr
- 2011
- Dauer
- 8:09 min
- Schlagworte
- 1945, Kapitulation, Reichstag, Berlin, Rußland, Stalin, Rote Arme, Nationalsozialismus, Krieg, Diktator, Histoclips
Sachgebiete
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