1988 - Das Drama von Gladbeck
16. August: Sieben Uhr morgens. Nach durchzechter Nacht beschließen zwei Männer, eine Bank auszurauben. Noch wissen sie nicht, dass sie das öffentlichste Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte in Szene setzen. Gladbeck, NRW, acht Uhr morgens: Der Überfall gerät zur Geiselnahme. In der Deutschen Bank Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner verschanzen sich mit zwei Angestellten. Die Polizei will Zeit gewinnen. Mit Schüssen in die Fenster verleihen die Gangster ihren Forderungen Nachdruck - 300.000 Mark. Ein Fluchtfahrzeug. Das Geld wird übergeben. Der Polizei ist klar: Die beiden machen Ernst. Acht Uhr abends. Das Fluchtauto wird vorgefahren - nach Anweisung von Rößner. Dann fahren die Gangster mit den Geiseln Richtung Innenstadt - verfolgt von Polizisten. "Wir hatten ja an sich freien Abzug verlangt oder erbeten von der Polizei, was dort abgelehnt wurde und deshalb hat die Polizei von vorne herein die Verfolgung aufgenommen. Und deshalb sahen sich die Gangster wahrscheinlich gar nicht in der Lage, die Geiseln freizugeben, wie sie es mir versprochen hatten." Noch in Gladbeck steigt Rösners Freundin zu. Eine Irrfahrt beginnt. Mittwoch Morgen: Fahrt nach Bremen. Die Polizei dreier Länder rangelt um die Kompetenzen. Rösner geht inzwischen einkaufen. In einer Bremer Boutique findet der Gangster die passende Kleidung. "Der Rösner, der war sehr dominant und befehlshaberisch gewesen und der Degowski war irgendwie, weiß ich nicht, immer nervös und hat meistens drauf gehört, was der Rösner gesagt hat." Sieben Uhr abends: Tatenlos sieht die Polizei zu, wie die Geiselnehmer einen voll besetzten Linienbus kapern. Die Beamten greifen nicht ein. Ein Erklärungsversuch: "Es waren nicht immer zu jeder Zeit so viel Einsatzkräfte vor Ort, die ein sicheres Zugreifen ermöglicht hätten." Die Polizei hält sich zurück, Reporter gehen auf Tuchfühlung. Pressekonferenz. O-Ton Rösner offen: "Mein Kumpel ist brandgefährlich. Ich scheiß' auf mein Leben...) Fototermin auf Kosten von Geiseln. Weiter geht die Irrfahrt: Brutal erzwingt sich Rösner freien Abzug. Raststätte Grundbergsee: Rösners Freundin geht zur Toilette. Polizisten überwältigen sie - eigenmächtig. Rösner droht mit Geiselerschießung. O-Ton offen: "Dat hätten sie nich machen sollen, diese Schweine, die, diese verfluchten Schweine, diese dreckijen...!" Doch die Freilassung von Rösners Freundin verzögert sich, weil der Schlüssel abbricht. "Also, das war ein sehr unglücklicher Vorfall, dass Beamte sich selbst entschlossen haben, ohne mit der Einsatzleitung das rückzukoppeln. Aber ich denke, in einem so außergewöhnlichen Einsatz werden immer Menschen vielleicht nicht so handeln, wie es richtig ist." Die vorschnelle Aktion fordert ein Opfer: Degowski schießt dem 15-jährigen Emanuele in den Kopf. Erst nach 20 Minuten trifft der Rettungswagen ein. Der junge Italiener stirbt noch in dieser Nacht. Der Horrortrip geht weiter - Richtung Holland. Es kommt zum Schusswechsel. Hinter der Grenze lassen die Gangster 23 Geiseln frei. Als Gegenleistung erhalten sie ein neues Fluchtfahrzeug. Zwei Geiseln müssen mit: Silke Bischoff und Ines Voitle. Köln Donnerstag, elf Uhr. Medienrummel. O-Ton Journalist offen: "Sie rechnen sich immer noch Chancen aus, für sich und die Geiseln zu einem positiven Ende zu kommen?" "Ja." Sensationsgier von Reportern lähmt die Polizei. Verbrecher als Fernsehstars. Die Publicity bietet ihnen Schutz. "Einfach die körperliche Anwesenheit der Journalisten bedeutete natürlich für ihn eine gewisse Lebensversicherung. Denn da, wo die sich hautnah um ihn bewegen würden, da würde die Polizei sicherlich keinen harten Zugriff wagen." O-Ton: "Schmiere, Bischof Hengsbach, obwohl ich schon einen umgeleecht habe etc." offen Bizarre Szenen, erschreckende Bilder "Also, die Situation in Köln hat mich wirklich erschreckt. Weil da Journalisten sich wirklich zu Mittätern gemacht haben. Im strafbaren Bereich, den Tätern Kaffee geholt haben, ihnen Fotos gezeigt haben, damit die Polizei den Tätern nicht Geiseln unterschieben konnte, im Austausch, die vielleicht getarnte Polizisten sind. Das finde ich schon Mittäterschaft." Makabrer Höhepunkt: Reporter machen sich zu Handlangern. Bieten sich den Gangstern als Lotsen an. Bis zur nächsten Raststätte. Wettfahrt um die besten Bilder. "Der Degowski flüsterte mir halt ins Ohr, dass es ihm leid das täte, also es allen leid täte, dass sie uns mitgenommen hätten. Wir wären viel zu jung und sie wollten uns halt nachts irgendwo hinter der Grenze rauslassen. Und darauf hatten wir dann mit Bier angestoßen gehabt, und hatten und auch darauf gefreut und nur noch gehofft, dass jetzt nichts mehr passiert und wir dann wirklich rauskommen." Doch die Einsatzleitung hat entschieden. Der Zugriff muss in NRW erfolgen. Prestigesache. A3 bei Bad Honnef. Der Fluchtwagen wird gerammt. Blendgranaten zünden. "Dann wurde Silkes Schrie immer hysterischer und immer ängstlicher, und weiß ich nicht, die muß irgendne Ahnung gehabt haben oder so, jedenfalls war sie fürchterlich am Schreien gewesen. Spring raus Ines, spring raus. Und der Schrei wurde immer schriller und grellender und angstvoller, also so einen Schrei hatte ich noch nie vorher gehört gehabt. Und irgendwann habe ich mir dann den Mut gepackt, hab die Tür aufgerissen, bin rausgerannt und in den nächsten Graben reingesprungen." Die 18-jährige Silke Bischoff stirbt im Kugelhagel. Aus der Waffe Rösners. Nach 54 Stunden endet das Drama. Ein Todesspiel, nach dem sowohl die Polizei als auch die Presse ihr Versagen eingestehen müssen.
- Anbieter
- Zolcer TV
- Jahr
- 2011
- Dauer
- 8:11 min
- Schlagworte
- 1988, Gladbeck, Geiselnahme, Banküberfall, Terror, Hans-Jürgen Rösner, Dieter Degowski, Histoclips
Sachgebiete
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