1983 - Hitlers falsche Tagebücher
Berlin 20. April 45: Die letzte Ju verlässt die eingeschlossene Reichshauptstadt. Das Personal der Reichskanzlei wird ausgeflogen. Nach anderthalb Stunden stürzt die Maschine bei Börnersdorf in Sachsen ab. Stuttgart: Schreiberstraße 70: Was hier entsteht, wird als Original verhökert. Das Geschäft mit Dokumenten aus der Nazizeit es boomt. Falscher Hitler - echter Kujau. Man kennt den Fälscher in der Szene nur als Prof. Dr. Fischer. Allein ein Sammler aus dem Schwäbischen kauft mehr als 1000 Hitlerdokumente. Im guten Glauben an die Echtheit. Für diesen Sammler schreibt Kujau 78 das erste Hitlertagebuch. Noch nicht für Geld. Aus purer Lust am Fälschen. Ich hab einfach drauf zu geschrieben. Normal hab ich genauso gehandelt wie ein Fälscher von Bildern. Man muss sich in diesen Schriftgeber, oder Bildgeber, muss man sich hereinversetzten und das hab ich getan, fertig. Und ich hab aber nicht geguckt, ist das besonders eh, ohne Kunststoff gebunden und so. Das war doch mir scheißegal. Das erste Tagebuch! Schon mit FH, den irrwitzigen Initialen. Führer Hitler Angeblich, so Fischer, gerettet aus den Trümmern eines Flugzeugs. Hitlers Tagesablauf frei nach Kujau. 1. Februar. Ich erlasse einige Verfügungen. 9. Februar Eröffnung der Olympiaausstellung in Berlin. Konnte nicht teilnehmen. Mein Magen ist kaum noch fähig etwas aufzunehmen als Arzneien. Gerd Heidemann, Reporter des Stern, erfährt von diesem Tagebuch und nimmt die Fährte auf. Was folgt, preist Heidemann als gründliche Recherche. Die erlogene Fundgeschichte um das erste Tagebuch führt ihn nach Börnersdorf zur Absturzstelle der besagten Ju. Was ihn und seine Sternchefs lockt, ist Hitler privat . Inzwischen hat er auch den Lieferanten Kujau aufgespürt und bietet 85 000 Mark pro Band. 27 Tagebücher kann er liefern, verspricht Kujau. Bargeld lacht! Jetzt stellen Sie sich doch bitte vor, Sie sitzen da, und da bietet Ihnen jemand zwei Millionen, abzüglich 10% Provision für sich, wenn ich ihm die Hitler Tagebücher beschaffe. Na ja, da habe ich 10 Tage Bedenkzeit und dann habe ich grünes Licht gegeben. Ist ja verständlich. Zwei Millionen waren viel Geld. Gell! Und so entsteht die Fälschung des Jahrhunderts. Wie das zeigt der Fälscher uns noch Jahre später gern. Eine Schützenschnur aus dem II. Weltkrieg. Dazu Asche, Spuke, Schleifpapier. Mit Spaß am falschen Spiel wechselt er die Einbände und kreiert sein Führer-Siegel. Dahinter Kujaus Sicht von Deutscher Geschichte: Der kleine Goebbels macht schon wieder Geschichten mit Frauen. Werde in den nächsten Tagen einen geheimen Erlass herausgeben, dass ich von meinen engsten Mitarbeitern und den Parteiführern im Reich keinerlei Affären mehr wünsche. Der Stern lässt unterdes die Bücher prüfen. Die Experten sind sich einig: alles echter Hitler. Doch in Wahrheit vergleichen sie gefälschte Dokumente echte Kujaus. Anfang April 83 - die Tagebücher werden mittlerweile in einem Schweizer Banksafe aufbewahrt, da einigt sich die Verlagsleitung auf den 10. Mai als Startschuss für den Scoop. Die Zeit drängt. Verhandlungen mit internationalen Medienkonzernen gefährden die Geheimhaltung. Doch der Stern will die Bombe selbst platzen lassen. In der Hoffnung auf die Rückkehr all der investierten Millionen. 22. April 83: Die Presseagenturen melden Unerhörtes. Der Stern wird die geheimen Tagebücher Hitlers publizieren. Presserummel im Verlagshaus von Gruner + Jahr. Die Geschichte des III. Reiches, so wird hier verkündet, werde in großen Teilen neu geschrieben werden müssen. Fotografen bitten den Kollegen Heidemann, die Tagebücher in die Kameras zu halten. Das Bild bleibt im Gedächtnis. Doch schon am nächsten Tag im ZDF kippt der Kronzeuge des Stern. Der Grund, aus dem ich meine Meinung geändert habe, ist einfach der, dass ich nicht mehr glaube, dass die Herkunft der Dokumente tatsächlich etabliert worden ist. 16 Jahre später gibt er preis, dass der Stern ihn umzustimmen suchte. Eine Dame vom Stern kam zu mir und bot mir viel Geld, wenn ich nach Hamburg käme und erklären, dass die Tagebücher echt seien. Das habe ich abgelehnt. (A Lady came from Stern came to me and offered me a large sum of money if I would come to Hamburg and make a statement that the documents were genuine. And I refused to do this.) Eine letzte Probe soll die Zweifler zum Verstummen bringen. Das Bundesamt für Materialprüfung wird eingeschaltet. In aufwendigen Labortests werden hier Papier und Einband untersucht. Schon der erste Befund spricht deutlich gegen die Echtheit. Unter ultraviolettem Licht fluoresziert das Papier, Indiz für sogenannte Weißmacher, die man erst nach dem Krieg verwendet hat. Die Bombe platzt. Der Scoop des Jahrhunderts ist tatsächlich eine journalistische Blamage ersten Ranges. Die Entschuldigung des Tagebuchbeschaffers Heidemann fällt eher mager aus. Herr Nannen hat ja nun Strafantrag gestellt. Er musste ja irgend etwas unternehmen. Ich bin ihm deshalb nicht böse. Ich hatte gehofft, ich liefere ihm zum Abschluss seiner Arbeit beim Stern die größte Geschichte, nun war es der größte Reinfall, tut mir sehr leid. Im Prozess schiebt der bauernschlaue Fälscher seinem Partner Heidemann den brauen Peter zu. Er kann nicht glaubhaft machen, dass er von der Fälschung nichts gewust hatte. Er ist das Bauernopfer. Urteil für Betrug und Fälschung: Kujau 4 Jahre und sechs Monate; Heidemanns, weil nicht geständig, zwei Monate mehr. Der Schaden für den Stern ist nicht zu messen. Der Stern hat natürlich durch die Hitlertagebücher einen schweren Schlag in seiner Glaubwürdigkeit erlitten. Er hat natürlich danach alles versuchen müssen, um diese Glaubwürdigkeit wieder herzustellen, d.h. viel wagen konnte er nicht. Er musste sich unendlich seriös verhalten und das ist für ein Magazin natürlich schwierig. Hitlers falsche Tagebücher. Eine Posse. Und doch Indiz für den morbiden Reiz des Bösen.
- Anbieter
- Zolcer TV
- Jahr
- 2011
- Dauer
- 8:02 min
- Schlagworte
- Fälschungen, Aquarell, Hitler Signatur, Dokumente mit Details, Kujau fälscht in Schreiberstraße, Hitler und Tagebuch, Dokumente unter Licht, Untersuchungen, PK Koblenz, Heidemann und Kujau bei Urteilsverkündung, Tagebuch, Histoclips
Sachgebiete
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