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1974 - Der Kanzlerspion

Cover: 1974 - Der Kanzlerspion

Ein Spion wird zum Stolperstein für Willy Brandt. Tränen für einen Kanzler, der glaubt, wegen einer Agentenaffäre keine andere Wahl zu haben O-Ton Helmut Schmidt: Ich habe mich richtig schön mit Willy Brandt gezankt, und ich habe ihm Vorwürfe gemacht: wegen diesem Scheißkerl muss ein deutscher Bundeskanzler nicht zurücktreten Günter Guillaume. Der Top-Spion im Schatten des Regierungschefs Herbst '69 Machtwechsel: Jetzt regiert ein Sozialdemokrat in Bonn. Zum ersten Mal in der Geschichte der Republik Frischer Wind im Kanzleramt und neue Töne gen Ost-Berlin Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein im Innern und nach Außen. Ein Nachbar kommt gefährlich nahe. Günter Guillaume kommt als Referent von Willy Brandt in die Zentrale der Macht O-Ton Markus Wolff Niemals war ein Plan vorhanden, Guillaume in das Bundeskanzleramt einzuschleusen, weil ich es einfach für unrealistisch gehalten habe. Guillaume war ja als DDR-Bürger mit seinem richtigen Namen bekannt, wir mussten davon ausgehen, dass bekannt ist, dass er SED-Mitglied war, also davon wagten wir nicht zu träumen. Lied: Euer Dienst ist die Aufklärung Frankfurt '56. Ein Agentenpaar reist in den Westen ein: Günter und Christel Guillaume Sie treten in die Frankfurter SPD ein und erregen keinen Verdacht. Eine ganz gewöhnliche Familie - mit Funkkontakt nach Ostberlin ´69 wird der fleißige Parteifunktionär nach Bonn empfohlen. Dass der Lebenslauf Lücken hat, beunruhigt niemanden. Die Überprüfung ist reine Routine. Man nimmt es nicht so genau. O-ton Ehmke: Denn als wir ihn einstellten, nach gründlicher Überprüfung - dachten wir - lag ja schon alles Material vor, wegen dessen er später verhaftet worden ist, mehr haben die gar nicht dazu gekriegt Viel Vertrauen – zu wenig Kontrolle. Und Guillaume macht sich gut - hilft dem Kanzler im Wahlkampf '72, an der Macht zu bleiben. Der mag ihn nicht besonders, schätzt aber doch sein Organisationstalent. Wo immer Brandt ist, ist auch Guillaume. Was immer der Kanzler macht, der Referent ist mit von der Partie. Ein Spion aus Leidenschaft. Was nutzen Panzerschränke, wenn der Spion den Schlüssel hat. Was in Bonn als streng geheim gilt, ist in Ostberlin schon längst bekannt. Zwei Jahre später fahndet der Verfassungsschutz nach einen Mann - mit französisch klingendem Namen. Der Bericht landet auf dem Tisch von Innenminister Genscher. O-Ton Wolf: Im Grunde genommen wusste der Verfassungsschutz damals unter Leitung von Herrn Nollau, wussten vermutlich auch Genscher und sein Bürochef Klaus Kinkel, dass nicht nur ein Verdacht bestand, sondern dass durch entschlüsselte Funksprüche klar war, wer Guillaume ist. Kein Grund zur Besorgnis, meldet Genscher dem Kanzler. Alles solle so weiterlaufen wie bisher. Schonfrist für den Schattenmann O-Ton Egon Bahr: Der Fehler war, dass man den Kanzler als Lockvogel benutzt hat, um den Verdacht gegen Guillaume zu erhärten und zu beweisen. Und das ist im Grunde unerhört, wenn man den Regierungschef nachrichtendienstlich benutzt. Panne oder Kalkül? Der Mann, der schwer verdächtig ist, fährt mit nach Norwegen. Im Urlaub ist der Spion dem Kanzler nah wie nie zuvor. Dienstlich und privat O-Ton Mathias Brandt: (OFF) Doch, der war nett. (ON) und ich bin bei denen im Haus ein- und ausgegangen, weil die hatten auch einen Sohn, der war etwas älter als ich und hab da auch manchmal übernachtet und ich hab mich wohl damals gewundert, warum die nachts so viel Schreibmaschine schreiben. (OFF) ja und das der so tolle Tonbänder hatte, das fand ich offensichtlich spektakulär. Doch spektakulär ist nur der Tatort. Was der Spion von dort vermeldet, klingt eher banal - auch wenn er selbst das anders sieht. O-Ton Guillaume: Damals hatte ich den Eindruck, das ist schon etwas ungeheuerliches und so wurde es ja dann auch von der gegnerischen Seite dargestellt, als mit der Prozess gemacht wurde, dass ich eben Dinge erfahren habe, die eben in der Politik etwas Außergewöhnliches waren. Eine Krise innerhalb des Bündnisses, einen echten Streit zwischen Deutschen, Engländern, Franzosen und Amerikanern. Zurück in Bonn wird Guillaume observiert. Ein ganzes Jahr lang. Er merkt es - bleibt dennoch auf dem Posten. Von Ost-Berlin kommt keine Order. April '74: Der Spion wird verhaftet. Willy Brandt erfährt es nach Rückkehr aus Ägypten direkt von Innenminister Genscher. Guillaume hat gestanden und Bonn seinen Politskandal. Der beginnt jetzt erst. Die Phantasie kennt keine Grenzen. Im Wahlkampfsonderzug sei es hoch her gegangen. Brandt habe hier die Puppen tanzen lassen Guillaumes Aufgabe sei es gewesen, dem Kanzler „Frauen zuzuführen“. Jetzt werden solche Bilder neu gedeutet. Jeder Flirt wird zur Affäre, jede Frau in seiner Nähe zur Geliebten erklärt. O-Ton Brandt: Was immer noch darüber geschrieben werden mag. Es ist und bleibt grotesk, einen Kanzler für erpressbar zu halten. Ich bin es jedenfalls nicht. Eine Denkmal, das sich stürzen lässt. Rücktritt auch, weil Willy Brandt regierungsmüde ist. Ein Jahr später - die Guillaumes vor Gericht. 13 Jahre Haft – Höchststrafe. Was das Agentenpaar wirklich verriet, war freilich nicht erschütternd. O-Ton Harpprecht: Was er an Nachrichten aus dem Bundeskanzleramt heraustragen konnte, war meiner Ansicht nach beschränkt, er konnte eher Stimmungsberichte weitergeben, er konnte Klatschgeschichten nach Ostberlin berichten. Ein großer Meisterspion ist er gewiss nicht gewesen, er war in vielem ein Würstchen. Daheim ist er ein Held. 1981 werden die Guillaumes ausgetauscht - gegen acht Agenten des Westens. Markus Wolff empfängt seinen Top-Spion mit offenen Armen. O-Ton Wolf: Erst einmal herzlich willkommen. Ein Lebenslauf im Kalten Krieg. Die deutsche Einheit macht Guillaume wieder zum Bundesbürger - ob er will oder nicht. Lied - Genossen ihr werdet nicht oft besungen, nun ja, das wäre taktisch nicht klug... wir wissen schon, was ihr für uns tut.

Anbieter
Zolcer TV
Jahr
2011
Dauer
8:15 min
Schlagworte
1974, Spion, DDR, Deutschland, Kanzler, Willy Brandt, Helmut Schmidt, Spionage, Affäre, Günther Guillaume, Histoclips

Sachgebiete

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