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1943 - Der Junge von Warschau

Cover: 1943 - Der Junge von Warschau

Sommer ´43. Auf dem Schreibtisch Heinrich Himmlers landet ein Bericht - über die Vernichtung des Warschauer Ghettos. Autor ist der SS-Brigadeführer Jürgen Stroop, Himmlers Handlanger in Warschau. Sein Bildbericht - ein Album des Schreckens. Mit einem Foto, das keiner vergisst. „Der Junge von Warschau“. Stroop schrieb darunter: Mit Gewalt aus Bunkern herausgeholt." O-Ton Gutmann Stroop schreibt über diesen Kampf im Ghetto wie über eine ganz normale militärische Operation. Sie waren mehr als nur Mörder. Denn sie haben sich Menschen gegriffen, die sich verstecken mussten, die hungern mussten, die am Ende ihres Lebens angekommen waren. September ´39: Hitlers Truppen ziehen in Warschau ein. In ihrem Windschatten beginnt der Terror gegen Juden. Das Lachen der Sieger. Schuldig machen sich nicht alle, aber allzu viele. O-Ton Reich-Ranicki Ein Tag, nachdem die Wehrmacht einmarschiert war, kamen die Soldaten der Wehrmacht, ausgerüstet mit Scheren und haben den Juden, den frommen Juden mit langen Bärten, erst mal den Bart weggeschnitten, nicht allen, aber sehr vielen. 450 000 Menschen werden eingesperrt - in ein Ghetto mit Wohnraum für knapp 40.000. Scharfe Kontrollen an den Toren- und drinnen nur die Hoffnung, dass es nicht noch schlimmer werden wird. Ein Wartesaal des Todes. O-Ton Gutmann Jeden Monat starben Tausende von Menschen. Auf den Gehsteigen lagen ganze Familien, die alle umgekommen sind. Wenn ich ein Kind weinen höre, ist das immer der Moment, in dem ich mich an alles genau erinnere. Plötzlich sehe ich wieder die Straßen vor mir. Und ich sehe die Gesichter der kleinen Kinder. Und ich höre sie weinen und fragen und bitten. Am Ende sind sie still. (Bild steht frei) Kinder werden gejagt. Sie schmuggeln Nahrung ins Ghetto - durch die Kanalisation. Manche werden erwischt und erschossen. O-Ton Gutmann Es war tragisch für die Kinder. Kinder, die nicht wussten, was sind eigentlich Blumen? Was ist ein Baum? Was ist ein Schmetterling? Was heißt es, frei zu sein? Doch die Kinder wissen, was Gewalt ist. Wie dieser kleine Junge. Heute hängt das Foto in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. O-Ton Gutmann, Leiter Yad Vashem Wenn ich dieses Kind anschaue, dann berührt mich das sehr. Wie ein Soldat ein kleines Kind bedroht, das so unschuldig ist. Aber alle Juden waren eigentlich unschuldig. Der Junge von Warschau. Wer ist dieses Kind? Vielleicht Tsvi Nussbaum, der heute in New York lebt. Er erinnert sich genau, wie er die Hände heben musste - vor den Mördern seiner Familie. O-Ton Nußbaum Ich habe vier Generationen meiner Familie verloren. Meinen Bruder - nur zwei Jahre alt. Meine Eltern. Drei meiner Großeltern und eine Urgroßmutter. Sie starben alle im Holocaust. Die einzigen, die überlebten, waren mein Onkel und meine Tante. Von da an blieb ich immer bei ihnen. Sie waren wie Eltern. Nur deshalb bin ich heute noch am Leben. Der kleine Tsvi scheint zunächst Glück zu haben. In ihrem Versteck außerhalb der Ghettomauern hört die Familie vom Hotel Polski. Sammelstelle für Juden mit ausländischen Pässen. Ihnen wird die Ausreise versprochen - gegen Bezahlung. Auf dem Schwarzmarkt werden diese Pässe zu Höchstpreisen gehandelt. Doch niemand reist in die Freiheit. O-Ton Gutmann Die meisten aus dem Hotel Polski wurden nach Bergen-Belsen geschickt. Und von Bergen-Belsen nach Ausschwitz. Und natürlich wurden sie ermordet. Das alles war eine zynische Falle. Ob sie aus dem Ghetto kommen oder dem Hotel Polski - der Weg führt in die Todesmühlen. Wer sich nicht freiwillig meldet zum Transport, den drohen die Nazis zu erschießen. O-Ton Reich Ranicki Die Männer des jüdischen Ordnungsdienstes haben die Nummern der Waggons notiert, die abfuhren mit der menschlichen Fracht. Nun stellte sich etwas Schreckliches heraus. Noch am selben Tag, im Verlauf von einigen Stunden, waren dieselben Waggons wieder da. Und ziemlich bald war klar, die werden alle dort ermordet. Im April 43 beginnt ein Aufstand der Verzweiflung. Mit einfachsten Mitteln - gegen Flammenwerfer und Panzer. Die SS brennt das Ghetto ab - wer dieser Hölle entrinnt, wird in die nächste deportiert. Treblinka, Majdanek Auschwitz Der kleine Junge hat den Aufstand überlebt, auch das Grauen danach? (auf 3. Foto) O-Ton Nußbaum Meine Tante erinnert sich, dass sie mich an diesem Tag genauso angezogen hat wie den kleinen Jungen auf dem Bild. Die Mütze, der Mantel - so hat sie mich angezogen. Ich war ja damals nicht einmal 8 Jahre alt. Das ist kein Kind aus dem Ghetto. Es ist Tsvi, glaubt Professor Gutmann. O-Ton Gutmann Sein Gesicht ist ein normales Gesicht, aber während der Hungerzeit hatten sie kein menschliches Gesicht mehr. Außerdem waren Kinder am Schluss eine Ausnahme. In den letzten Tagen des Ghettos, während des Aufstandes gab es keine Kinder mehr. O-Ton Nußbaum Für mich bedeutet dieses Bild einen Tag in meinem Leben. Einen entsetzlichen Tag, aber eben nur einen Tag. Mir wäre es lieber, dieses Bild würde eineinhalb Millionen Kinder repräsentieren. Und nicht nur mich. Ich wünschte mir, eineinhalb Millionen jüdische Kinder könnten aufstehen und sagen: Das bin ich.

Anbieter
Zolcer TV
Jahr
2011
Dauer
8:12 min
Schlagworte
1943, Warschauer Ghetto, Polen, Hitler, Völkermord, Endlösung, Juden, Krieg, Diktator, Israel Gutmann, Tvsi Nußbaum, Marcel Reich-Ranicki, Jürgen Stroop, Histoclips

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