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1938 - Die Pogromnacht

Cover: 1938 - Die Pogromnacht

Deutschland in den 30er Jahren. Schöner Schein, für alle, die nicht hinsehen. Doch hinter den Fassaden wird ein Teil des Volkes immer mehr „verfolgt“. Dann nimmt das Regime die Maske ab. In der Nacht zum 10. November werden jüdische Gotteshäuser in Brand gesetzt, jüdische Menschen gejagt, gequält, ermordet. O-Ton Georg Stefan Troller: "Es durfte alles gemacht werden, wir waren Freiwild geworden und man durfte mit uns anfangen, was man wollte." Nazis treten an zu einem beispiellosen Feldzug der Gewalt im ganzen Reich. Sprecher: Als Vorwand dient den Nazis das Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath in Paris. Aus Protest gegen die brutale Abschiebung seiner Familie aus Deutschland will der 17jährige jüdische Emigrant Herschel Grynszpan ein Zeichen setzen. Sein Plan: ein Attentat auf Hitlers Statthalter in Paris. Doch er trifft nur den Legationssekretär, mit fünf Schüssen. (steht frei) Schwerverletzt wird Rath in eine Klinik gebracht. Für Hitlers Regime, das in München sein Ritual zum 9. November zelebriert, ist der Anschlag die erhoffte Propagandamunition. Schon längst hat Goebbels Hetze den Boden für Pogromstimmung bereitet. Das Attentat ist die willkommene Gelegenheit zum Losschlagen. Sprecher: Der Chefpropagandist wittert die Chance, als in München die Nachricht vom Tod des Diplomaten eintrifft. Zitatensprecher: Aus seinem Tagebuch: „Ich gehe zum Parteiempfang im Alten Rathaus. Riesenbetrieb. Ich trage dem Führer die Angelegenheit vor. Er bestimmt: Demonstrationen weiterlaufen lassen. Polizei zurückziehen. Die Juden sollen einmal den Volkszorn zu verspüren bekommen. Ich gebe gleich entsprechende Anweisungen an Polizei und Partei. Dann rede ich kurz dementsprechend vor der Parteiführerschaft.“ O-Ton Werner Kuhnt, Teilnehmer der Veranstaltung: ON: „Es war eine Rede voller Zorn und Empörung, was hier an Deutschen in der Welt geschieht. OFF: Wenn so etwas passiert, dann reagieren wir als Volk und dann lassen wir uns das nicht gefallen. Sprecher: Das Kalkül des Agitators geht auf: Zitatensprecher: „Stürmischer Beifall. Alles saust gleich an die Telefone. Nun wird das Volk handeln.“ Sprecher: Nicht das Volk handelt, Sondern die Gefolgschaft der Partei. In eingespielter Manier läuft die Befehlskette der Brandstifter an. Sprecher: Bald darauf stehen in hunderten von Orten die Synagogen in Flammen, Wie hier in Bielefeld - vor den Augen der Bevölkerung. Greifkommandos eröffnen die Jagd auf Menschen, die nun Freiwild sind O-Ton Coco Schumann, „Auf einmal klirrte das und die Schaufensterscheiben gingen zu Bruch. Und ich wusste erst gar nicht, was los ist und denn hab’ ich aber gesehen, dass, dass überall an, an vielen Scheiben Hakenkreuze und diese Mongdovi, diese Judensterne angemalt waren. Und dann hörte ich auch Schreien und dann sah ich nach oben und da wurden Menschen aus dem Fenster gestoßen.“ O-Ton Lore May: „Wenn Sie in unsere Straße gekommen sind, da ... ich muss sagen, da müssen 500, 600 Leute, Deutsche, die geschrien haben und haben gesungen und haben, da war eine Dame, ich konnte kein Gesicht sehen, die haben sie am Haar die Straße runtergezogen.“ Sprecher: Der „spontane Volkszorn“, wie ihn die Propaganda suggeriert, ist vielfach inszeniert. Die meisten Brandstifter tragen offen Uniform oder das Abzeichen der Partei. Doch sind die Täter oft nur Durchschnittsbürger, Biedermänner, angesehene Personen in ihrem Ort. O-Ton Walter Philipson, Jude in Emden: „Als das Geschrei immer größer wurde, ging mein Vater runter, in der Annahme, er kann die, die Tür aufschließen. Aber schon als er auf der Treppe war, bekam er den Schuss und er rief, das habe ich gehört: ‘Ich bin getroffen!’ OFF: Es wurde nicht nur geschossen, es wurde auch gerufen: ‘Juden raus, Tod den Juden!’ Mein Vater hat immer gesagt: ‘Hier haben meine Eltern und Großeltern gewohnt in dem Haus. Lebendig kriegt man mich hier nicht raus!’ ON: Und als nun die Schüsse fielen und die Rufe ‘Juden raus!’, da hörte man denn auch: ‘Lebendig wolltest du nicht da raus, jetzt kommst du tot da raus!’“ Sprecher: Über 400 Menschen werden in diesen Tagen erschlagen, erschossen, ertränkt oder in den Selbstmord getrieben. Über 1400 Synagogen zerstört, mehr als 7500 Geschäfte verwüstet und geplündert. Sprecher: Die Reaktion der Bevölkerung reicht Teilnahme am Pogrom bis zu gelegentlicher Anteilnahme am Schicksal der Opfer. O-Ton Ernst Behm: Die Angst war so groß, dass man kaum miteinander gesprochen hat. Nur ganz vertraute Menschen untereinander konnten mal ein Wort sagen. Und diese Angst war so groß, dass man oft keinen Mut gehabt hat, den jüdischen Mitbürgern zu helfen. Es wurde viel geholfen, vielmehr als man denken kann, aber alles insgeheim.“ (steht frei) O-Ton Imo Moszkowicz: „Es ist die Menschlichkeit zerstört worden. Plötzlich erfuhr die Kriminalität eine Duldung. Der Staat schützte jegliche Untat, jegliches Verbrechen.“ Sprecher: Entrechtung, Enteignung, Festnahme. Was lang geplant ist, wird nun umgesetzt. Adressen-Listen liegen bereit. Die Häscher handeln mit System. In einer landesweiten Polizeiaktion werden vor allem jüdische Männer verhaftet, bei denen man Vermögen vermutet. Staatlich organisierte Geiselnahme Ziel der Aktion: Die Verdrängung der Juden aus der Wirtschaft und schließlich aus der Heimat. Unter Zurücklassung ihres Vermögens. Sprecher: Sachsenhausen, Dachau, Buchenwald. Das Tor zur Ausbürgerung. Sprecher: Tatort brutaler Erpressung. Entlassen wird nur, wer seiner Enteignung und Auswanderung zustimmt. Wer kann, versucht ein Visum zu bekommen. Doch die andern Staaten lassen nur begrenzte Kontingente zu. Für Kinder gibt‘ s am ehesten Hoffnung. Einige Nachbarländer erklären sich aufnahmebereit. - Abschied fürs Leben. Mit der Pogromnacht hat das Regime erprobt, wie weit es gehen konnte - und wie weit es künftig gehen kann. O-Ton Inge Deutschkron: „OFF: Das war der Wendepunkt. Da kapierten ON: die deutschen Juden in Deutschland kann man nicht mehr in Frieden leben als deutscher Jude. Das wurde durch diese Pogromnacht klar.“

Anbieter
Zolcer TV
Jahr
2011
Dauer
8:06 min
Schlagworte
1938, Reichsprogromnacht, Progrom, Juden, Synagogen, Hitler, Göbbels, Nationalsozialismus, Drittes Reich, Krieg, Diktator,, Histoclips

Sachgebiete

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