1980 - Der Streik von Danzig
Danzig, 14. August: Das Tor der Leninwerft ist geschlossen. Streik in einem Staat ohne Streikrecht. 17.000 Arbeiter verschanzen sich auf dem Gelände der Werft. Der Elektriker Lech Walesa gehört nicht mehr zur Belegschaft: gefeuert wegen Unruhestiftung. Doch er ist zur Stelle. Ich habe zunächst versucht, ganz normal hineinzukommen erst durch das eine Tor, dann durch das andere. Ich habe es nicht geschafft. Die Betriebswache ließ mich nicht durch. Sprung über die Mauer. Die Arbeiter brauchen einen Wortführer. Walesa setzt sich an die Spitze der Streikbewegung. Zunächst geht es nur um Geld. Die Streikenden wollen mehr Lohn. Die Regale in Polen sind leer. Das Land steckt in einer schlimmen Krise. Essen und Kleidung sind Mangelware. Die Schlangen waren so lang, dass man nicht selten um 3 oder 4 Uhr nachts aufstehen und sich anstellen musste. Wenn ich dann um 6 Uhr zur Arbeit ging, musste mich ein Bekannter ablösen, nur so konnte man etwas kaufen. Die Regierung weiß sich nicht anders zu helfen. Sie erhöht die Preise für die Nahrungsmittel. Das bringt das Fass zum Überlaufen. 3. Streiktag. Der Staat gibt nach die Arbeiter der Werft erhalten mehr Lohn, 1200 Zloty, pro Monat. Ein paar Mark. Als wir den Saal verließen, rief jemand: Und wir? Es waren die Abgesandten anderer Betrieben, die erfahren haben, dass wir streiken. Sie haben gerufen: Und wir? Und da hat jemand gesagt - genau, wo bleibt die Solidarität. Es war das erste Mal, dass das Wort Solidarität fiel. Geburtsstunde der Solidarnosc, der ersten unabhängigen Gewerkschaft in einem kommunistischen Land. 300 Betriebe mit 80 000 Arbeitern aus der Danziger Küstenregion schließen sich dem Streik an. Sie formulieren 21 Punkte. Jetzt gehts um Politik: Zulassung freier Gewerkschaften, Meinungs- und Pressefreiheit, Streikrecht. Der Ausstand auf der Leninwerft gerät zum Generalstreik. Auch Intellektuelle unterstützen nun das Aufbegehren gegen den Staat. Nach Danzig zu kommen, war gar nicht so einfach, denn unterwegs sahen wir Fahrzeuge der Geheimpolizei die Agenten waren als Arbeiter verkleidet. Deshalb gelangten wir über Umwege in die Stadt, wie Touristen, die vom Meer kommen. Das Werfttor wird zur Pilgerstätte. Täglich bringen Menschen aus Danzig Geld und Lebensmittel. Auch die Kirche unterstützt die Streikenden. Priester lesen unter freiem Himmel die Messe. Das Tor ist geschmückt, mit Heiligenbildern und einem Portrait eines Papstes aus Polen. Ein Jahr zuvor: Karol Woytila, nun Papst Johannes Paul II., reist zum ersten Mal nach Polen. Er macht sich und die Kirche zum Hoffnungsträger für ein ganzes Volk. Über eine Million Menschen wollen ihn sehen. Johannes Paul bringt auch eine politische Botschaft: Er fordert Freiheit und die Achtung der Menschenrechte. Dieser Funke zündet. Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Streiks, die im August 1980 entflammt sind, ihren Nährboden in diesem Papstbesuch hatten. Protest im Zeichen des Kreuzes. Ein Symbol, das auch der Staatsmacht Grenzen setzt, so hofft man. Doch die Angst bleibt - vor einem Übergriff der Militärs oder einem Einmarsch der Sowjetunion. Selbstverständlich hatten wir andauernd die Befürchtung, dass es eine Intervention geben könnte. Die ganze Zeit war uns davor bange. Jetzt ist er gefragt. Jeden Morgen die gleiche Szene am Werkstor. Lech Walesa spricht den Arbeitern Mut zu. Doch als Märtyrer sieht er sich nicht. Bis heute kann ich eine Rede von Walesa nicht vergessen, als er zu den Arbeitern sagte: Denkt immer dran, ich habe mich als erster an die Spitze des Streiks gestellt und ich werde als letzter fliehen. Aber ich werde fliehen. Das hat mir sehr gut gefallen. Er wollte kein Held sein. Der 10. Streiktag: Das Unglaubliche geschieht. Warschau gibt nach und schickt eine Verhandlungsdelegation. 31. August: Im Sitzungssaal der Leninwerft werden die Danziger Verträge unterzeichnet durch die Regierung und eine Gewerkschaft, die jetzt anerkannte politische Kraft ist. Walesa kann alle 21 Forderungen durchsetzen. Mit Beistand von oben. Jemand hat mir diesen Stift geschenkt - am Tor, als ich eine Ansprache hielt. Er sah gut aus mit dem Heiligen Vater. Ich dachte, es wäre ein Zepter. Dann habe ich damit rumgespielt und gemerkt, dass es ein Kugelschreiber war. Triumph. Zum ersten Mal schließt eine kommunistische Regierung einen Vertrag mit der Opposition und besiegelt damit ihr politisches Schicksal. Es ist der Anfang vom Ende eines totalitären Systems. Es war schön und grausam zugleich. Schön, weil man es fast körperlich spürte, wie durch das ganze Land eine Woge der Freiheit ging. Die Angst der Menschen zerbrach. Angst, auf die die Diktatur gründete. Andererseits war klar, dass das System das nicht dulden konnte. Das Schöne dauerte 16 Monate, und dann kam das Grausame. Kriegsrecht: In der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember '81 übernimmt das Militär die Macht. Versammlungen werden verboten, Telefonverbindungen werden gekappt, der Verkehr unterbrochen. Ausnahmezustand. Die ersten Toten. Ich trage diese Last auf meinen Schultern, und ich erinnere mich an diese Zeit wie an einen Alptraum. Ich halte den Kriegszustand für ein Übel, aber gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass es besser war, als eine Intervention von außen. 5000 Solidarnosc-Mitglieder werden verhaftet. Auch Lech Walesa. Ich habe auf sie gewartet und gesagt, Ihr seid dabei, die letzten Nägel in den kommunistischen Sarg zu schlagen. Ich bin der Sieger. Wir werden gewinnen. Ihr habt keine Chance mehr. Der Glaube macht Wunder möglich und ich habe wirklich geglaubt. Auch im inneren Exil. Dann die Genugtuung. 1990 gewinnt Lech Walesa die Präsidentschaftswahlen. Mit ihm wählt Polen die Hoffnungen und Träume einer demokratischen Bewegung, die den Anstoß gab zur Zeitenwende in Europa.
- Anbieter
- Zolcer TV
- Jahr
- 2011
- Dauer
- 8:18 min
- Schlagworte
- 1980, Solidarno??, Streik, Danzig, Polen, Lech Walesa, Werftarbeiter, Warschauer Pakt, Gewerkschaft, Kommunismus, Wojciech Jaruselsky, Waldemar Kuczynski, Stanislaw Kania, Pater Schulz, Tadensz Mazowiecki, Pawel Zinczuk, Histoclips
Sachgebiete
Für Vorschau, Merkliste und Kaufoptionen aktivieren Sie bitte JavaScript. Informationen zum Erwerb finden Sie in der Kaufanleitung.