1987 - Der Fall Barschel
12. September '87, nachmittags: Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein feiert mit Freunden das Ende des Wahlkampfs. Es ist die letzte ruhige Stunde im Leben von Uwe Barschel. Was der NDR um 15.12 Uhr meldet, beendet die Kaffeerunde im trauten Kreis. Originalton NDR 12. September 1987 Uwe Barschel, CDU, ist möglicherweise doch persönlich in die Bespitzelungsaffäre um den SPD Spitzenkandidaten für die morgige Landtagswahl, Björn Engholm, verwickelt. Der Spiegel legt nach: Watergate in Kiel. Auftakt zur größten Polit-Affäre der bundesdeutschen Geschichte. Wie es zum grausigen Schlusspunkt in Genf kam, einen Monat später, ist bis heute ungeklärt. Heinrich Wille, l Leitender Oberstaatsanwalt Er ist ja gelegentlich verglichen worden mit den Morden an John F. Kennedy oder Olof Palme. Wobei diese Taten eins voraus haben. Bei diesen Taten weiß man, weil Schusswaffen benutzt sind, dass es sich um einen Mord handelt. Diese Sicherheit hat man im Fall Uwe Barschel nicht. Dr. Dr. Uwe Barschel. Ein politischer Aufsteiger. Mit 38 Jahren jüngster Ministerpräsident der Republik. Hoffnungsträger der CDU. Fünf Jahre später, am 12. September '87, dem Vorabend der Landtagswahl, scheint die steile Karriere beendet. Uwe Barschel 12.9.1987 Dies sind ungeheuerliche Vorwürfe. Wir hier oben in Schleswig Holstein würden sagen: alles erstunken und erlogen. Schmutzige Tricks im Wahlkampf gegen Björn Engholm? Barschels Medienreferent Reiner Pfeiffer erhebt schwere Vorwürfe. Reiner Pfeiffer 13.9.1987 Meine wesentlichste Aufgabe bestand darin,... dass der Spitzenkandidat der SPD, Engholm, noch vor Wahltermin von der politischen Bühne verschwindet. Detektive, beauftragt von Reiner Pfeiffer, forschen Engholms Privatleben aus. Eine anonyme Steueranzeige, Lügen, Bespitzelungen. Der Sumpf von Kiel. Flucht nach vorn. Auf einer spektakulären Pressekonferenz bestreitet Uwe Barschel seine Mitwisserschaft. Uwe Barschel 18.9.1987 Über diese Ihnen gleich vorzulegenden eidesstattlichen Versicherungen hinaus gebe ich Ihnen... mein Ehrenwort, ich wiederhole, mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind. Völlig haltlos sind sie nicht. Erich Samson: juristischer Berater Barschels dass Barschel den untauglichen Versuch unternommen hat, aus den von Pfeiffer gelegten Spuren seinerseits jetzt mit untauglichen Mitteln wieder herauszukommen. Das ist sicher eine juristische und politische Dummheit gewesen. Als klar wird, dass Barschel doch mehr wusste, als er zugab, lässt ihn die Partei fallen. Der Ministerpräsident von Schleswig Holstein erklärt seinen Rücktritt. Es wird einsam um den Mann aus Kiel. Björn Engholm, der Spitzenkandidat der SPD, profitiert von seiner Opferrolle in der Waterkant-Affaire. Björn Engholm 10.10.1987 Ich habe den Namen Pfeiffer zum ersten Mal in der Wahlnacht gehört und habe von vielen Dingen erst aus der Veröffentlichung des Spiegel erfahren. Doch auch das ist nicht die ganze Wahrheit. Eine Woche vor der Wahl, trifft sich in einem Lübecker Hotel Reiner Pfeiffer mit Vertrauten Engholms, informiert sie über schmutzige Tricks, zu denen ihn angeblich Barschel angestiftet hat. Die SPD hilft ihm, die Informationen an den Spiegel weiterzugeben. Erst 6 Jahre später wird das ganze Ausmaß der Affäre klar: Nicht Barschel, Pfeiffer war der Drahtzieher des Kieler Skandals. Warum zahlte SPD-Sozialminister Günther Jansen ihm 50.000 Mark? Aus Mitleid, wie er sagt? Als Schweigegeld? (GUT akzentuieren!) Engholm wird Opfer seiner eigenen "Opferrolle". Nachrichten vom 3. Mai 1993 "Björn Engholm hat heute alle politischen Spitzenämter aufgegeben und auch seinen Rückzug aus der Bundespolitik angekündigt. Vor dem SPD-Präsidium in Bonn erklärte Engholm, er stünde als Parteivorsitzender, Kanzlerkandidat und Ministerpräsident nicht mehr zur Verfügung." Oktober 87. Gran Canaria. Barschel sucht Erholung vom Kieler Sumpf. Doch der Untersuchungsausschuss beordert ihn zurück. In einem Telex kündigt Barschel seine vorzeitige Rückkehr an. Doch zuvor wolle er am Wochenende einer entlastenden Information nachgehen. Barschel fliegt nach Genf. Dort will er einen geheimnisvollen Informanten treffen. Sein Name: Robert Roloff. 10. Oktober, 15.00 Uhr. Barschels Maschine landet auf dem Genfer Flughafen. Die Ankunft des ehemaligen Ministerpräsidenten bleibt nicht unbemerkt. Journalisten erwarten ihn bereits am Flughafen. Hoffen auf ein Interview. Doch Barschel stellt sich taub. Ein Fotograf schießt dennoch Aufnahmen. Es sind die letzten, die ihn lebend zeigen. Einen Tag später ist Uwe Barschel tot. Reporter finden ihn in der Badewanne seines Genfer Hotelzimmers. Erich Samson Juristischer Berater Barschels Es deutete vieles auf Selbstmord hin. Die ersten Informationen waren auch so. Aber es überwog dann das unglaubliche Erstaunen darüber, dass ein so starker Mann, der bis zum Schluss so beherrscht agiert hatte, dass der sich selbst getötet haben soll. Das war doch ein Bruch und eine Schwierigkeit im Verständnis. Die Familie Uwe Barschels ist überzeugt: Es war Mord. Doch die Ermittlungen der Polizei laufen nur schleppend an. Will man den Fall Barschel nicht aufklären? Der Anwalt der Familie hat eine eigene Vermutung. Justus Warburg Anwalt der Barschel-Familie Man will die Wahrheit nicht... Man will die Wahrheit nicht. Den Eindruck hatte ich immer schon. Aber ich weiß nicht warum... Was ist die Wahrheit? Was geschah am 11. Oktober 87 im Genfer Hotel Beau Rivage auf Zimmer 317? Uwe Barschel starb an einer Überdosis Medikamente. Wie gelangten sie in seinen Körper? War Uwe Barschel nicht allein? Ermittlungspannen, Widersprüche. Doch mittlerweile schließt die Staatsanwaltschaft Mord nicht aus. Heinrich Wille Leitender Oberstaatsanwalt Die Abläufe, die dort gewesen sind, lassen sich nicht rekonstruieren, ohne zuverlässige Aussage. Die wir nicht haben. Aber die Fakten sind, dass es Spuren gibt, die von Uwe Barschel vernünftigerweise nicht alleine stammen können. Genf. Die Stadt der Geheimnisse. Waffenhändler von Rang, Agenten aus aller Welt. Zeugenaussagen bringen Barschel in Zusammenhang mit der Iran-Contra-Affäre. Wusste Barschel zuviel? Musste er deshalb sterben? Heinrich Wille Leitender Oberstaatsanwalt Wenn aber ein Uwe Barschel sagte, dass er vor dem Untersuchungs-ausschuss auspacken wollte, dann kann das den ein oder anderen schon etwas nachdenklich und nervös gemacht haben, wobei es gar nicht so sehr darauf ankommt, wie viel er wirklich wußte, sondern was man glaubte, was er wissen könnte. Die Affäre Barschel . Der Politskandal der Bundesrepublik, der das Vertrauen in die Politik erschüttert hat. Doch das größte Opfer bleibt die Familie - solange, bis der Tod des Uwe Barschel aufgeklärt ist.
- Anbieter
- Zolcer TV
- Jahr
- 2011
- Dauer
- 8:23 min
- Schlagworte
- 1987, Uwe Barschel, Genf, Beau Rivage, Schleswig-Hollstein, Björn Engholm, Rainer Pfeiffer, Wahlkampf, Waterkantgate, , Histoclips
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