1985 - AIDS: Patient Zero
Rock Hudson. Im prüden Amerika der Nachkriegszeit gilt er als Frauenheld. Seine Homosexualität bleibt verborgen hinter solchen Szenen. 25. Juli 85: Das Bekenntnis: Hudson ist todkrank. Wie schon 14.000 andere Amerikaner. Im Oktober stirbt Hudson an AIDS. Schwulenpest nennen viele diese Krankheit. Bis zu Hudsons Tod sah die breite Öffentlichkeit AIDS als gerechte Strafe für Sünder. Als eine Art Strafe von Gott für Homosexuelle. Mit Hudsons Tod änderte sich das praktisch über Nacht. Die Menschen in Amerika lernten erst jetzt die Seuche richtig kennen. Die frühen 80er Jahre: In der homosexuellen Szene in den USA ist anonymer Sex in Saunen und Bars gang und gebe. Doch immer mehr von diesen jungen Männern werden von einer merkwürdigen Krankheit heimgesucht. Meist beginnt sie mit einem bis dahin seltenen Hautkrebs oder einer ungewöhnlichen Lungenentzündung. Den Tod bringt oft schon eine harmlose Infektion. Wenn ich an den Anfang der Seuche zurückdenke, als wir nur fünf bis zehn Fälle hatten, ahnten wir instinktiv, das würde schlimm werden. Absurde Gerüchte kommen auf: CIA oder KGB hätten die tödliche Seuche als Waffe gegen den Erzfeind entwickelt. In der Szene meinen manche, Luftzersteuber in den Clubs seien mit einer tödlichen Substanz gefüllt Verschwörungstheorien. Dann finden die Forscher heraus: In Afrika gibt es das Krankheitsbild seit den 60er Jahren. Kriege, Vertreibungen, Unterernährung All das hat in der Dritten Welt zur Ausbreitung der Plage beigetragen. Wie aber wird man infiziert? Und wie kam diese Seuche nach Amerika? Wir befragten so viele Homosexuelle wie möglich. Dann kam der entscheidende Tag: drei Männer in Los Angeles, die sich nicht kannten, erzählten uns von einem jungen Steward, mit dem sie Sex gehabt hatten. Vielleicht war das die Quelle der Ansteckung. Bill Darrow macht sich auf die Suche nach dem Mann. Noch hat er keinen Namen, er weiß nur, dass der Steward Kanadier ist. Darrow nennt den Unbekannten Patient Zero - Patient Null. Immer mehr Erkrankte erinnern sich an den Flugbegleiter und wann sie mit ihm Sex hatten: auf der 200-Jahr-Feier in New York. Der ausgelassensten Party, die die Stadt je erlebte. Mir wurde klar, dieses Virus ist eine Zeitbombe. Denn die drei, vier Männer, die Anfang der 80er erkrankten, hatten diesen Mann schon 1976 getroffen. 1981 publiziert der Virus-Forscher Mikel Gottlieb den ersten Artikel über den sogenannten Schwulenkrebs. Er spricht von einer Epidemie. Unter den Betroffenen herrscht Panik. Die Zahl der Kranken steigt und steigt. Niemand weiß, wie man sich ansteckt und wie man sich schützen kann. Juli '82 - Neue Hiobsbotschaften: Bluter infizieren sich mit der tödlichen Seuche. Babys erkranken, Drogenabhängige. Auf einer Tagung der Gesundheitsbehörde bekommt die Krankheit ihren Namen: AIDS - die erworbene Immunschwäche. Das HIV-Virus greift das Immunsystem an, so dass der Körper Krankheitserreger nicht mehr abwehrt. Übertragen wird das Virus durch Sperma oder Blut. Jeder war bedroht, denn jeder konnte Empfänger einer Blutkonserve werden. Alle, die dachten, sie seien sicher vor Aids, sahen sich jetzt der Krankheit ausgesetzt. Das hat die Menschen in Angst versetzt. Die Vertreiber von Blutkonserven leugnen die Gefahr, Tests würden zig Millionen kosten. Die AIDS-Fälle hätten mit ihren Beständen nichts zu tun. Es kommt zum Eklat. Ich war so frustriert, dass ich mit der Faust auf den Tisch schlug: sagt uns einfach, wie viele Tote ihr braucht, bevor ihr was tut? Sagt es uns. Braucht ihr zehn, 15, 100 Tote, sagt es uns, wir werden eure Bedingungen erfüllen. Dann können wir uns vielleicht hinsetzen und endlich darüber reden, was man tun kann. Die Suche nach Patient Zero geht voran. In einem Diagramm zieht Bill Darrow Verbindungen: mindestens 40 der ersten 248 AIDS-Opfer hatten Sex mit Patient Zero oder einem seiner Partner. Doch erst Ende 83 findet Darrow den Kanadier in einem Krankenhaus in New York. Sein Name: Gaetan Dugas Es gibt nur dieses eine Photo von Gaetan Dugas, dem Steward der Air Canada. Seit '76 fliegt er regelmäßig von New York nach Kalifornien. In seinem Leben hatte er bis dato mehr als 2500 Sexualkontakte. Als ich ihm sagte, dass er AIDS an andere weitergeben könne, wurde er zornig: ob ich ihm die Schuld an der Seuche geben wolle, fragte er mich. Ich versuchte, ihn zu beruhigen und sagte ihm, du machst das nicht absichtlich. Es half nichts. Wir fanden später heraus, dass er weitermachte wie bisher. Patient Zero. Dugas stirbt im März 84 Bis heute weiß niemand mit Sicherheit, ob er die tödliche Krankheit Aids nach Amerika eingeschleppt hat. Verbreitet hat er sie. Erst 1987 bekennt sich US-Präsident Reagan öffentlich zum Kampf gegen AIDS, lange nachdem sein Schauspielerkollege Rock Hudson und 25.000 weitere Opfer daran gestorben sind. Wenn die Reagan-Regierung Dinge durchgesetzt hätte, die schon früher von Gesundheitsexperten gefordert wurden, wäre die Epidemie niemals so groß geworden. Das Erbe dieser Regierung ist ein Erbe des Todes, denn sie stand daneben und tat nichts. Mehr als zehn Jahre dauert es, bis Wissenschaftler erste Erfolge gegen die Krankheit erzielen. Medikamentencocktails können AIDS heute aufhalten, aber nicht heilen. Doch nur wenige können sich die extrem teuren Arzneien leisten. Das zeigt einmal mehr die großen Unterschiede zwischen arm und reich. Wir haben noch keinen Weg gefunden, den Abermillionen Kranken, die überall mit dem Virus leben, zu helfen. Einmal im Jahr treffen sich Verwandte und Freunde von AIDS-Opfern in Washington. In einem riesigen Teppich haben sie die Namen der Toten eingenäht. Bis zum Ende des Jahrhunderts fordert Aids sechzehn Millionen Opfer in der ganzen Welt. Ein Ende ist nicht in Sicht.
- Anbieter
- Zolcer TV
- Jahr
- 2011
- Dauer
- 8:17 min
- Schlagworte
- 1985, Aids, HIV, Rock Hudson, Seuche, Krankheit, Homosexualität, Sean Strub O'Brian, Bill Darrow, Don Francis, Michael Gottlieb, Robert Gallo, Gaëtan Dugas, Patient Zero, Histoclips
Sachgebiete
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