1970 - Der Kniefall von Warschau
Ankunft in Warschau: Zum ersten Mal besucht ein deutscher Bundeskanzler Polen. Zur Versöhnung - 25 Jahre nach dem Krieg, zur Entspannung im Konflikt der Blöcke. Gewaltverzicht und Anerkennung der Grenzen. Der deutsch-polnische Vertrag eröffnet ein neues Kapitel der Beziehungen. Brandts Ostpolitik will Wandel durch Annäherung. Egon Bahr, damals Staatssekretär im Auswärtigen Amt Vor diesem Deutschland brauchte man keine Angst zu haben. Das ist ein anderes Deutschland geworden. War ja diese seltsame Geschichte: Die selbstständige Ostpolitik hat das Gewicht der Bundesrepublik in Europa vermehrt, und trotzdem brauchte man vor diesem gewachsenen Gewicht der Bundesrepublik keine Sorge zu haben. Besuch am Grabmal des unbekannten Soldaten. Zum ersten Mal gedenkt man gemeinsam der Gefallenen des Krieges. Den er entfesselte. Hitler wollte Polen auslöschen. In seinem Wahn vom Lebensraum im Osten. Hier ist der Krieg von Anfang an total und unbarmherzig. Ein Vernichtungskrieg - auch gegen die Zivilbevölkerung. Warschau ist das erste Menetekel. Über drei Jahrzehnte später will Brandt ein Zeichen setzen: Nie wieder soll es Feindschaft zwischen beiden Völkern geben. Marek Edelmann, Überlebender des Warschauer Ghettos Der Krieg und die Schrecken der Besatzung das war in Polen nicht vergessen. Man misstraute den Deutschen noch immer. Brandt wusste das. Und er hat nach einer großen Geste gesucht, einer Geste, die diesen Eindruck verändern sollte. Brandt besucht das Mahnmal des Warschauer Ghettos. Ein Kranz für die Opfer des Aufstands 1943. Ein Ort, der wie kaum ein anderer für das Schicksal der jüdischen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg steht. Originalaufnahmen aus dem Wartesaal des Todes, letzte Station vor dem Weg in das Vernichtungslager. Marcel Reich-Ranicki, Überlebender des Warschauer Ghettos Brandt auf dem Gebiet des Warschauer Ghettos und zwar genau auf dem Platz, auf dem sich auch mein Leben und das meiner Frau entschieden hat. Da sind wir rausgeführt worden da wurden wir rausgeführt - und wir wussten noch nicht: nach links, das hieß zum Umschlagplatz und zur Vergasung, oder nach rechts, dann durften wir noch etwas am Leben bleiben. In einem Vorhof zur Hölle. Abgeschlossen von der Außenwelt. Umgeben von Mauern. Vegetieren Hunderttausende, auf engstem Raum. Der Tod ist im Ghetto allgegenwärtig, drinnen und draußen. Israel Gutman, Überlebender des Ghettos Auf den Straßen und Bürgersteigen lagen ganze Familien und starben. Sie starben an Hunger, an Kälte und Krankheit. Wer nicht im Ghetto stirbt, wird deportiert. Treblinka, Maidanek, Auschwitz. Marcel Reich-Ranicki, Überlebender des Ghettos Es hat sich dann auch die Widerstandsbewegung im Ghetto, die sich jetzt formierte sehr spät im Warschauer Ghetto, sehr darum bemüht, das zu klären, was mit den Menschen geschieht. Und ziemlich bald war klar: Sie werden alle dort ermordet. 1943 Aufstand im Ghetto: Mit dem Mut der Verzweiflung widersetzten sich die wenigen noch Lebenden dem Terror ihrer Peiniger. Am Ende bricht die SS den aussichtslosen Widerstand. Das Ghetto von Warschau wird ausgelöscht. Willy Brandt (1988) Das war etwas aus dem Rahmen alles anderen Schrecklichen Herausfallendes, dass ich fand, ich konnte dann letztlich nichts anderes tun als ein Zeichen zu setzen: Ich bitte als einer, der nun nicht zu den wildesten Anhängern Hitlers gehört hat, um es mal so zu sagen ich bitte für mein Volk um Verzeihung, bete auch darum, dass man uns verzeihen möge. Der Weg zu einer historischen Geste. Walter Scheel, damals Bundesaußenminister Als er nach vorne gegangen ist, hat er das noch nicht gewusst. Und dieses hat jeder gefühlt, der das gesehen hat. Bitte, wie besprochen, freistehen lassen Egon Bahr, Vertrauter Brandts Und im Näherkommen registrierten wir: es wurde plötzlich mucksmäuschenstill. Bitte, wie besprochen, freistehen lassen Marcel Reich-Ranicki, Überlebender des Ghettos Das werde ich nie vergessen. Das werde ich ihm nicht vergessen, das hatte auch in meinem Leben eine große Rolle gespielt. Vielleicht habe ich erst in diesem Augenblick ganz gewusst, dass es doch richtig war, als ich im Jahre '58 Polen verlassen habe, mich für die Bundesrepublik zu entscheiden. In der Heimat findet Brandt nicht nur Zustimmung für die Politik der Versöhnung. Ohne Not habe er die Grenzen im Osten anerkannt, deutsche Interessen preisgegeben, einem kommunistischen Regime gehuldigt. Gerhard Löwenthal, Fernsehjournalist Die Geste von Brandt fand ich damals, auch wenn das jetzt hart klingt, als zu unterwürfig. In den Augen der Welt hat der Kanzler dem Frieden gedient: 71 erhält er den Nobelpreis. Marek Edelmann, Überlebender des Ghetto-Aufstands Brandts Geste war ein Wendepunkt in der Geschichte. In Deutschland hatte sich etwas verändert. Man konnte zu den Deutschen wieder Vertrauen haben. Brandts Kniefall geschah im Namen des deutschen Volkes. Das war eine große Tat. Der Kniefall von Warschau. Eine Geste, die wohl mehr bewegt hat als Verträge ein Symbolbild des Jahrhunderts.
- Anbieter
- Zolcer TV
- Jahr
- 2011
- Dauer
- 8:16 min
- Schlagworte
- 1970, Willy Brandt, Polen, Versöhnung, Ghetto, Kniefall, Valentin Falin, Egon Bahr, Herbert Hupka, Gerhard Löwenthal, Rut Brandt, Walter Scheel, Marcel Reich-Ranicki, Marek Edelmann, Christiane Haase, Dietrich Romeick, Günter Lux, Christine Steinfeger, Andreas Theis, Histoclips
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