1968 - Worte gegen Panzer
Prag 68: Die Studenten gehen auf die Straße, fordern mehr Demokratie. Kritik am stalinistischen System wird laut. Ihr politischer Sprecher wird Alexander Dubcek Reformer an der Spitze der Partei. Die Pressezensur schafft er ab. Aufbruchstimmung im ganzen Land: Prager Frühling. Egon Bahr, Auswärtiges Amt Die Leute fühlten sich wie in einem neuen Paradies. Alles ist jetzt möglich - es macht Spaß. Wir brauchen gar keine Westsender mehr zu hören - unsere Sender sind viel interessanter jetzt. Was hier alles passiert an Leben. Wir sind wieder in der Mitte Europas. In Moskau dauert die Eiszeit an. Der Kreml wittert Konterrevolution. Valentin Falin, Europaexperte im sowjetischen Außenministerium Im Vergleich mit uns war das mehr als eine Revolution, das war eine Anarchie. Die wollte man nicht hinnehmen, das könnte ein Beispiel, ein sehr gefährliches Beispiel für die anderen sein. 20. Juni: Manöver des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei. Die Sowjetarmee winkt mit dem Zaunpfahl. Die Menschen auf den Straßen Prags lassen sich nicht bange machen. Fordern freie Wahlen. Der Schriftsteller Ludvik Vakulik verfasst ein Manifest für mehr Demokratie. Tausende unterschreiben. Für die Sowjets eine Provokation. Juli 68: Kreml-Chef Breschnew schaltet sich persönlich ein. In Cierna, einem Grenzort zwischen UdSSR und Tschechoslowakei kommt es in einem Zug zu Geheimverhandlungen - zwischen Prager Reformern und den Sowjets, die von Dubcek Linientreue einfordern. Ein Ausnahmezustand. Eduard Goldstücker, Vertrauter Dubceks Das war zum ersten Mal in der Geschichte der Sowjetunion, dass das ganze Politbüro der Sowjetunion, vielleicht mit einer oder zwei Ausnahmen, das Territorium der Sowjetunion verlassen hat. Die Gespräche enden offiziell mit einer Versöhnung. Doch der Bruch ist offensichtlich. Valentin Falin, sowj. Außenministerium Man hat vor allem das Vertrauen verloren, was Dubcek, Cernik und andere angeht. Man darf sich auf ihr Wort nicht verlassen. Deswegen gibt es keine andere Wahl. So geht es einfach nicht. 20. August, kurz nach Mitternacht: Panzer rollen durch Prag. Invasion der Bruderstaaten. Um zwei Uhr nachts meldet das Radio den Einmarsch. Widerstand - auf der Straße und in Redaktionen. Vera Heroldova, Radiosprecherin Wir haben die Tür geöffnet, und die Techniker begannen, die Nationalhymne zu senden. Doch dann ist ein Offizier in den Raum gekommen und einige Soldaten. Jeder dieser Soldaten hat auf einen von uns aufgepasst, und wir spürten die Bajonette in unseren Rücken. Panzer ersticken den Ruf nach Freiheit. Verzweifelt versuchen die Prager, sich der Übermacht zu widersetzen. Gegen eine Viertel Million Soldaten. Ziviler Widerstand. General Aleksandr Majorov, Befehlshaber der Invasionstruppen Nein, man kann wirklich nicht behaupten, dass wir mit Blumen empfangen worden sind, wirklich nicht. Auf der Heimaterde ist ein fremder Stiefel nie willkommen. Aber das Land war tief gespalten, es gab einen Kampf der rechten gegen die linken Kräfte, und Dubcek hat die Lage nicht mehr unter Kontrolle gehabt. Ziel der Invasoren sind die Schaltstellen der Macht in der Hauptstadt, Regierungsgebäude und Redaktionen. Bei Kämpfen um den Rundfunk Prag gibts die ersten Toten. Der Kameraassistent Rudolf Slezak wird schwer verletzt. Rudolf Slezak, Kameraassistent Als ich aus dem Koma wieder aufgewacht bin, da war mein erster Gedanke, die verdammten Russen. Aber ich konnte den Gedanken nicht aussprechen, mein Mund war voller Blut, und ich fühlte nur noch Hass. Gegen stählerne Kolosse hilflose Gesten. Barrikaden gegen Panzer. Im Fernsehen spricht die Moderatorin Kamila Mouckova gerade von Toten und Verletzten. Kamila Mouckova, Moderatorin Mitten in meine Sendung platzte ein hoher sowjetischer General und brüllte mich an. Er hatte zwei Soldaten mit Maschinenpistolen dabei. Immer wieder haben sie auf mich eingeschrien und mir gedroht. Stopp sofort die Übertragung stell sofort die Arbeit ein. Akte der Verzweiflung. Nach 53 Ost-Berlin und 56 Budapest wird einmal mehr der Drang nach Freiheit niedergeschlagen. Worte gegen Panzer: Ein Foto wird Symbol für ohnmächtigen Zorn. Emilia Gogova, Tochter Mein Vater war ein einfacher Angestellter der Stadtwerke in Bratislava, kümmerte sich um Gas und Wasser. Er hatte viel zu tun und war immer in der Stadt unterwegs. Als er auf einmal die Panzer sah, entschloss er sich kurzerhand zum Protest. Für einen Augenblick steht der kleine Angestellte Emil Gallo im Schlaglicht der Geschichte. Emilia Gogova, Tochter Er war eigentlich kein Demonstrant, sondern völlig unpolitisch. Aber dass die Russen einmarschierten und uns kommandieren wollten, das hat ihn aufgebracht. Die letzte Form des Widerstands. Mehr als 40 illegale Fernsehstudios senden weiter. Ein Hilferuf nach Österreich. Wir sind vielleicht die einzigen in der ganzen Tschechoslowakischen Republik, die noch senden können. Ich weiß nicht wie lange. Ich bitte sie, informieren sie die ganze Welt. Doch die Welt sieht nur zu. Egon Bahr, Auswärtiges Amt Wirklich helfen hätte man nur können um den Preis der Gewaltanwendung - also Krieg. Und das wollte niemand, insbesondere nicht Amerika. Der letzte öffentliche Protest. Auf den Straßen Prags tragen die Studenten einen Traum zu Grabe, von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz, von einer freien Tschechoslowakei.
- Anbieter
- Zolcer TV
- Jahr
- 2011
- Dauer
- 8:14 min
- Schlagworte
- 1968, Prager Frühling, Prag, Kommunismus, Warschauer Pakt, Aufstand, Demonstration, Aleksandr Maijorov, Valentin Falin, Egon Bahr, Cestmir Cisar, Eduard Goldstücker, Rudolf Slezak, Vera Stovickova-Heroldova, Kamila Mouckova, Emilia Gogova, Histoclips
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