1967 - Der Tod des Benno Ohnesorg
Zeitenwende in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der Krieg in Vietnam empört die Welt. Auch Berliner Studenten gehen auf die Straßen fordern ein Ende der Kämpfe. Lönnendonker: Das war einfach so, dass wir dann kochten, und sagten, das kann doch nicht sein, dass die jetzt a) dasselbe machen, b) dass kein Mensch dagegen aufmüpft dass unsere Eltern, die damals schon den Mund gehalten hatten, gegen die Nazis nichts unternommen hatten nun gut ob wir es gemacht hätten wussten wir nicht. Aber jetzt kostete das nichts, das hat man uns ja immer vorgeworfen, jetzt habt ihr die Freiheit das zu sagen - da haben wir gesagt, jetzt habt ihr sie ja auch und trotzdem sagt ihr immer noch nichts. Sie nehmen sich die Freiheit. West-Berlin eingeschlossen durch die Mauer unterstellt den alliierten Schutzmächten - Gegen die und ihre Freunde demonstriert man nicht, ist die allgemeine Meinung. Schuss Berlin 2. Juni '67: Shah Reza Pahelwi und seine Frau Farah Diba besuchen die Stadt. Von den Staatschefs wird der Kaiser hofiert von Folter und Terror in seinem Land will man nichts wissen. Viele Berliner schwelgen lieber in Märchen aus dem Morgenland vom Glanz des Pfauenthrons. Für die Studenten ein Skandal. Sie verkaufen Tüten mit den karikierten Konterfeis des Kaiserpaars die werden als Masken getragen. Jubelnde Berliner vor dem Schöneberger Rathaus - und tausende von Demonstranten die dem Schah ihre Wut ins Gesicht brüllen wollen. Auch eine Reihe von Shahanhängern in der Menge die sogenannten Jubelperser. Plötzlich schlagen sie zu prügeln ein auf friedliche Studenten. Lönni: Die hatten ihre Demonstrationsplakate an langen Latten festgemacht und diese Latten haben sie dann als Waffen benutzt, die hatten Schlagringe dabei, diese Stahlruten auch noch und die gingen auf uns los. Erst Minuten später greift die Polizei ein unterstützt zur Überraschung der Demonstranten die Prügelperser. Die Schlägertruppe Agenten des iranischen Geheimdienstes wie man erst später feststellt. Die erste Stufe der Gewalt. Als das Kaiserpaar am Abend die Deutsche Oper besucht, um den zarten Klängen der Zauberflöte zu lauschen, ist die Stimmung unter den Studenten gereizt. Jetzt richtet sich ihr Zorn auch gegen die Polizei sie rufen: Warum macht ihr Euch zu Bütteln eines Diktators? O-Ton Geier Die konnten es einfach nicht begreifen, dass sie als Nazis bespuckt und beschimpft und bespuckt wurden, wo sie damit nichts zu tun hatten. Der Geheimdienst jubelt weiter - und die Demonstranten werden auf der anderen Straßenseite eingekeilt. Irgendwo dazwischen der Student Benno Ohnesorg und seine schwangere Frau. Sie wissen nicht, dass der Polizeichef angekündigt hat heute Abend gibt es Dresche. O-Ton Baumann: Der Schock ist ja der, dass niemand jetzt mit dem gerechnet hat, was da kommt. Aber wirklich niemand. Ohne Vorwarnung Generalangriff mit dem Kommando Knüppel frei. Polizeipräsident Dünsing nennt es die Leberwurst-Taktik: In die Mitte hineinstechen und nach beiden Seiten rausdrücken. Hausmann: Dadurch, dass das sehr eng war - ist eine unbeschreibliche Panik ausgebrochen, da sind die Leute übereinander getrampelt, da ist dann richtig Panik ausgebrochen und von den Polizisten auch mehr als dass sie nur Befehle ausgeführt haben auch eine Wut. Die Polizisten treiben die Demonstranten vor sich her - in die Seitenstraßen. Hausmann: Die sind genauso panisch hinter uns her, wie wir vor ihnen weggelaufen sind. Da war so eine Situation von Wut, Panik, Hass, Angst, die völlig unkontrolliert war. Unter den Flüchtenden auch der Student Benno Ohnesorg, der seine Frau im Gedränge verloren hat. Ein besonnener Student, sagt sein Bruder Peter Ohnesorg: Er war so politisiert wie viele andere auch, die zu den Demonstrationen gegangen sind. Das kann schon sein, dass er als Gag sagte, jetzt geh ich zur Demo und zieh mir ein rotes Hemd an. Die Gefahr - das so etwas passieren könnte haben sich alle nicht klar gemacht. Die Flucht des Benno Ohnesorg endet in einem Hinterhof in der Krummen Straße. Geier: Ich habe auch gesehen, wie Benno Ohnesorg vor zwei Polizisten herlief, die ihn in die Flucht schlagen wollten, die mit dem Schlagstock auf ihn eingeschlagen haben, der lief direkt an mir und an dem Polizisten bei dem sich der Schuss später gelöst hat, vorbei. Im dichten Gedränge fällt der Schuss er trifft Benno Ohnesorg zertrümmert seine Schädeldecke. Hausmann: Und ich habe meine Tasche unter seinen Kopf gelegt, weil ich gesehen habe, dass er schwer verletzt war, das habe ich schon gesehen - und dann kamen zwei Polizisten auf mich zu und wollten mich da wegtreiben und dann habe ich die angeschrien - sie sollten doch lieber einen Krankenwagen oder Sanitäter holen. Notwehr oder fahrlässige Tötung Horst Geier stand neben dem Todesschützen. Geier: Wie ich ihn ansah, nach dem Fall des Schusses, und sagte, bist Du denn verrückt, hier zu schießen, weil es war ja kein Grund da. Der Täter - Kriminalobermeister Kurras - wird später freigesprochen Begründung des Gerichts: psychogener Ausnahmezustand. Für den Studenten wird die Fahrt ins Krankenhaus zur Odysee in den Tod. Peter Ohnesorg: Und der eine Krankenwagenfahrer ist dann ein paar Tage später noch zu meiner Schwägerin gekommen, weil diese Fahrt ihn so belastet hatte und er es loswerden wollte, dass sie 45 Minuten, wie er sagte, durch Berlin gefahren sind und mehrere Krankenhäuser ihn nicht aufgenommen haben. Hat ihm keiner helfen können oder wollen? Bis in die Nacht entlädt sich wütender Protest. Der Schuss, der den Studenten traf, trifft auch die Republik. Der schwelende Konflikt zwischen den Generationen, von nun an wird er ausgetragen. Baumann: Ich kann mich erinnern, dass Gudrun Ensslin ziemlich emotional aufgewühlt da gestanden hat und geschrien hat, das waren schon immer Faschisten und die werden auch immer Faschisten bleiben und diesmal fangen sie an, uns zu erschießen. Hier beginnt ein Irrweg, der in Stammheim endet. Doch der Tod von Benno Ohnesorg ist auch eine Bewährungsprobe für das Selbstverständnis einer jungen Demokratie. Büsch: Ich bin fest davon überzeugt, dass die Studentenbewegung, die ursprünglich eine Bewegung für Hochschulreformen war, einen entschiedenen Anteil zu mehr demokratischem Bewusstsein in Deutschland hat. Der Tod des Benno Ohnesorg ist nur der Zündfunke im Aufstand der Söhne gegen den Staat der Väter. Am Ende eines langen Marsches aber kommen viele in ihm an trotz alledem.
- Anbieter
- Zolcer TV
- Jahr
- 2011
- Dauer
- 8:15 min
- Schlagworte
- 1967, Benno Ohnesorg, Berlin, Schah, Studenten, Protest, Demonstration, Jubelperser, Histoclips
Sachgebiete
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