1900 - Es lebe das Jahrhundert
An der Schwelle zur neuen Zeit wachsen die Träume in den Himmel. Jahrhundertwende in Paris. Ungeheurer Glaube an die Zukunft. Maurice Bourgeois, geboren 1895: Es war wie ein Abkommen zwischen den Völkern. Von nun an wollten sie das Gute und Schöne am Leben genießen. Sehnsucht nach Freiheit: Wer sie in der alten Welt nicht findet, sucht sie in der Neuen. Marie Vosswinkel, geboren 1896: (Insert lange stehen lassen) Die Leute, die hier ankamen, spürten, jetzt wird alles anders. Sie fühlten sich befreit. 42, Das neue Jahrhundert. Eine, die es in Berlin begrüßt hat und den Abschied noch erleben darf, erinnert sich an den Beginn. Ursula Thomas, geboren 1897: Wir mussten schlafen, richtig. Und dann wurden wir erst zum Abend geweckt. Und dann gabs Pfannkuchen, und dann bekamen wir Himbeersaft zu trinken und so weiter, und dann durften wir, wir hatten ja geschlafen, durften wir aufbleiben bis zwölf Uhr... Es lebe das Jahrhundert. Aufbruch soll es sein in eine bessere und hellere Epoche. Sie beginnt mit Wunderkerzen für die Kinder, die erleben werden, wie es wirklich sein wird. Ursula Thomas, geboren 1897: (Insert lange stehen lassen) Die durften wir ja gar nicht anfassen. Hatte Vater oder Mutter in der Hand. Es konnte ja schon was sein, wenn man klein war. Haben wir nicht in die Hand genommen, haben die Eltern dann gemacht. Silvester 1899 - Hohe Zeit für Grammophone und Revuen Silvesterrevue 1899 (Insert) Unser Wunsch für heut ist der, dass so glücklich wie bisher und auch weiterhin der Welt die Sonne lacht. Dass der Sekt im Glase klingt, dass uns Glück und Wohlstand bringt und dass jedermann die neue Zeit bezwingt. Und mein Publikum für das neue Säkulum wartet froh, was die Zukunft bringt. Als Welthauptstadt der Zukunftsträume gilt Paris - Bühne neuer Lebenslust. 2:21 Auf dem Land herrschen alte Sitten. Bilder aus der Bretagne - zur Jahrhundertwende. Maurice Bourgeois, geboren 1895: Auf dem Land lebten wir in einer sehr beengten Welt. Doch in Paris war man am Puls der Zeit. Weltausstellung 1900: Paris präsentiert die neuesten Errungenschaften. Fortschritt für alle. Doch wenigen ist er vergönnt. Wer ihn schon jetzt zu Hause hat, der wird bestaunt. Ursula Thomas, geboren 1896: Ooch, bei der Ursel, da ist Telefon. Mein Vater war ja Verlagsbuchhändler, wissen Sie, wir waren ja mit dem Geschäft verbunden. Da gab es elektrisches Licht, Heizung war da. Alles hatten wir. In den Hinterhöfen des Fortschritts hatten viele Nichts! Die Arbeitssklaven des Wohlstands Das Proletariat. Marie Vosswinkel, geboren 1896: Mein Vater war Weber in einer Fabrik und hatte dieses Leben satt. Also ging er mit uns nach Amerika. (Amerika muss freistehen) Amerika. 20 Millionen Menschen suchen zu Beginn des Jahrhunderts hier ihr Glück. Fortschritt heißt für sie, das alt gewordene Europa verlassen Auswandern! Marie Vosswinkel, geboren 1896: Allen, die mit uns hier hergekommen waren, allen ging es hier besser. Hoffen auf das Neue! Die alte Welt genießt, wer es sich leisten kann. Monte Carlo Tummelplatz der Reichen und mitunter Schönen. Europa fühlt sich als Nabel der Welt Für den Nachschub hat man Kolonien (zynisch) am meisten haben Briten und Franzosen. Maurice Bourgeois, geboren 1895: Die Kolonien fand ich als Junge faszinierend. Die Leute, die da waren, haben spannende Dinge erzählt, wie man da leben kann. Doch das exotische Idyll ist keines. In China regt sich Widerstand gegen die Fremden im eigenen Land. Boxeraufstand. Die Kolonialherren, es sind auch Deutsche, unterdrücken ihn mit allen Mitteln. Bluttaten im Zeichen imperialen Größenwahns. Ursula Thomas, geboren 1896: Wir waren patriotisch. Wir hatten ja den Kaiser. Kaiser Wilhelm II., König von Preußen. Und wir waren Preußen. Bitte. Und da waren wir stolz drauf. Der Kaiser begrüßt das neue Jahrhundert mit säbelrasselndem Pathos, Deutschland habe noch nicht den Platz in der Welt, der ihm gebührt. Pioniere werden hofiert. Graf Zeppelin wird Volksheld, denn er bringt mit seinen phantastischen Plänen Deutschland nach oben. Über seine fliegenden Zigarren staunt die Welt. Fortbewegung in der Luft ein Menschheitstraum wird Wirklichkeit. Maurice Bourgeois, geboren 1895: Luftfahrt war eine tolle Sache. Denn von da oben konnte man viel besser sehen, was sich auf der Erde alles veränderte. Da kann ich mich noch sehr gut dran erinnern. Eine andere Erfindung bewegt die Menschen noch weit mehr. (kurz freistehen lassen). Das Automobil. So kräftig wie sechs Pferde, schafft es vierzig Kilometer in der Stunde ein lärmendes Vehikel, damals eine Rarität. Ursula Thomas Dann blieben wir stehen. In Steglitz dann ... (demonstriert Erstaunen) - ach nee. Unsere Straße war `ne Villenstraße. Da kam überhaupt nix lang. Das neue Jahrhundert wird verrückt nach Autos. Bald sorgen sie für Tempo und Chaos in den Städten. Ein Jahrhundert nimmt Fahrt auf. Maurice Bourgeois Das war das Neue dieser Zeit: die Geschwindigkeit. Es wird ein Jahrhundert, das die Menschen immer schneller mit immer Neuem überrollt.. Maurice Bourgeois Ich muss unbedingt noch ein paar Jahre leben. Damit ich sehen kann, was die Menschen im nächsten Jahrhundert aus all dem machen. Silvesterrevue 1899 Immer oben auf, Schicksal, nimm den Lauf. Fortuna, komm, tritt bei uns ein. Du sollst willkommen sein.
- Anbieter
- Zolcer TV
- Jahr
- 2011
- Dauer
- 8:16 min
- Schlagworte
- 1900, Weltausstellung, Paris, Eiffelturm, Sylvester, Kaiser Wilhelm II, 100 Jahre, Histoclips
Sachgebiete
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