1961 - Der Schock von Berlin
Berlin, 12. August, ein ruhiger Sommertag: Touristen vor dem Brandenburger Tor. Schnappschüsse mit Sowjetsoldaten. Ein paar Schritte weiter: Kontrollen an der Sektorengrenze. Berlin ist aufgeteilt - noch nicht gespalten. Zur gleichen Zeit ist Erich Honecker, Kaderchef der DDR, unterwegs zum Landsitz von SED-Chef Ulbricht. Der erteilt dem Gefolgsmann letzte Instruktionen für ein streng geheimes Kommando. Kaum jemand ahnt, dass die unbeschwerte Sommerfrische bald getrübt sein wird. Alarmbereitschaft für die Grenztruppen der DDR. Die wissen selbst nicht, was sie erwartet. Eine laue Sommernacht in trügerischer Ruhe - sie endet jäh. Gegen zwei Uhr früh rücken die Grenztruppen. Die Übergänge rund um Westberlin verriegeln, lautet ihr Befehl. Ein böses Erwachen. O-Ton Walter Grätz: (Berliner) Frühmorgens um sieben, wird ich nie vergessen, stelle das Radio an, schöne Musik und plötzlich: West-Berlin ist abgeriegelt. Kampftruppen sind überall, am Brandenburger Tor, überall... Fing sofort an zu heulen, denke, na da können ja deine Eltern gar nicht mehr kommen, wa'." O-Ton NVA-Lied (Insert: NVA-Lied 1961) Im Sommer 61: Am 13. August, da schlossen wir die Grenze und keiner hats gewusst. O-Ton Marianne von Noricof (Berlinerin): Man glaubte es gar nicht, dasss es möglich wäre, eine Stadt zu trennen. Und auf einmal kamen die großen Stacheldrahtrollen und dann sah man die Realität: Es ist wirklich so, was oft vorher schon gemunkelt hatte. Quer durch die Stadt, über Straßen, Plätze und Kanäle, ziehen die Grenztruppen den eisernen Vorhang. Er zerreißt Familien, entzweit Freunde, trennt Lebenswege. Hunderte verzweifelter Ost-Berliner suchen nach letzten Schlupflöchern in die Freiheit. O-Ton Interview: Sind sie mit der Familie übern Stacheldraht. - Ja, direkt übern Stacheldraht. Also es war fürchterlich aufregend, alles stehen und liegen gelassen. Wir haben nicht einen Pfennig Geld, nur das, was wir anhaben. Bernauer Straße, gegen Mittag. Ein Wachsoldat trifft die Entscheidung seines Lebens. O-Ton Schumann: Und da ist dann der Entschluss direkt gereift: Also, ich verlass den Staat, mach das nicht mehr mit. Sein Bild wird zum Symbol. [Schumann-O-Ton bitte runterziehen O-Ton Schumann: Der Sprung selbst, der ist an mir wie ein Traum vorbeigegangen. Ich bin losgerannt, gesprungen, ins Auto rein. Das ist alles so schnell gegangen, in zwei oder vier Sekunden war das vorbei. (steht frei) O-Ton Dietze: Wenn ich daran denke: Die Bilder, wo dann alte Menschen, sprich Oma oder so was, aus dem dritten Stock aus dem Fenster gesprungen sind, nur weil sie praktisch in die Freiheit wollten. Also ich fand die Bilder, die waren ganz, ganz schlimm für mich. (steht frei) Ohnmächtige Wut der Bürger, auf der anderen Seite auch Genugtuung. O-Ton Ernst Kretschmar: Es war allerdings auch ein Gefühl der Erleichterung, dass jetzt klare Fronten geschaffen waren. Hier geht das jetzt so mit dieser Unsicherheit und mit diesem Ausbluten nicht weiter, das empfanden wir, das sahen wir ja auch: Wie viele Ärzte waren weg, in bestimmten Bereichen, auch in Betrieben wichtige Fachleute waren weg, in bestimmten Bereichen wirkte sich das ja nun schon sehr schlimm aus, dass die Leute fehlten, dass sie nach dem Westen gegangen waren. In diesem Sommer war der Flüchtlingsstrom durchs Schlupfloch Berlin dramatisch angeschwollen. Aderlass für das Regime der SED. Der Große Bruder soll Abhilfe schaffen. Ulbricht drängt Chruschtschow zum Handeln. Der setzt Präsident Kennedy beim Treffen in Wien unter Druck, droht, ganz Berlin der DDR zu überlassen. Kennedy pocht auf die Freiheit West-Berlins. An der Grenze zu Ost-Berlin, lässt er Chruschtschow spüren, endet sein Interesse. O-Ton Fritz Schenk: Hier haben beide Seiten vereinbart: Es kann jeder in seiner Hemisphäre tun, was er will. Die andere Seite redet ihm nicht rein. Und das war für uns eigentlich das Signal: Jetzt passiert etwas in Berlin. Nach außen geht in der Frontstadt des Kalten Kriegs alles den gewohnten Gang. Zu Tausenden pendeln die Berliner Tag für Tag zwischen Ost und West. Während Ulbrichts Experten die Teilung schon vorbereiten, mimt der Parteichef vor Journalisten noch im Juni 61 den Ahnungslosen. O-Ton Ulbricht: Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten! Eine Lüge, wie sich zwei Monate später offenbart. Die Mauer durchtrennt den Lebensnerv der Stadt. Selbst durch Häuser zieht sich der steinerne Wall. O-Ton Egon Bahr: Das Gefühl war zunächst mal ein Gefühl ohnmächtiger Wut. Man konnte es nicht ändern. Und dann war das nächste Gefühl eine Empörung über die drei Mächte, die nichts taten und nicht mal Jeeps rausschickten, damit die Berliner sahen, sie sind nicht allein. Berlins Bürgermeister Willy Brandt fühlt sich im Stich gelassen. Die westlichen Schutzmächte sehen dem Bau der Mauer lange Zeit tatenlos zu. Endlich das erlösende Signal. US-Vizepräsident Johnson zu Besuch in Berlin, mit bewährtem Beistand (O-Ton Johnson:General Lucius Clay, ) Der Held der Luftbrücke ist noch immer Idol. Clay ordnet an, eine Division aus Westdeutschland nach Berlin zu verlegen. Die Fahrt über die Transitstrecke wird von den Sowjets geduldet. Damit ist klar: Die Freiheit West-Berlins bleibt vom Mauerbau unberührt. Doch dann beschwört das Kräftemessen doch noch Kriegsgefahr herauf. Als Ost-Berlin dem Chef der US-Mission die Einreise verwehrt, fahren zur Drohung amerikanische Panzer auf. Aber sie halten sich strikt an den Grundsatz: bis zur Grenze und nicht weiter. O-Ton Robert Lochner: Das war nun mal auch im Interesse des Westens, dass aus dieser explosiven Situation in Berlin noch nicht etwas Schlimmeres sich ergeben würde. Damit ist die Zweiteilung betoniert. O-Ton Egon Bahr: Der psychologische Einbruch kam, als Peter Fechter starb. Der hatte ja versucht, über die Mauer zu gehen, war angeschossen worden, zurückgefallen auf die Ostseite, und starb dort, 50 Minuten schreiend. 28 Jahre wird die Mauer stehen und noch viele Menschenleben fordern.
- Anbieter
- Zolcer TV
- Jahr
- 2011
- Dauer
- 8:16 min
- Schlagworte
- 1961, Mauerbau, Freiheit, DDR, Sozialismus, Berlin, Diktatur, antifaschistischer Schutzwall, Walter Ulbricht, Willy Brandt, Conrad Schumann, Histoclips
Sachgebiete
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