1953 - Steine gegen Panzer
Ein Deutschland baut auf Sozialismus. Nach sowjetischem Muster. Was längst schon offensichtlich war, verkündet SED-Chef Ulbricht nun ganz offiziell O-Ton Ulbricht dass in der DDR der Sozialismus planmäßig aufgebaut wird. Die Folge: Normerhöhungen um 10 Prozent. Natürlich ohne Lohnausgleich. Realer Sozialismus pur. Die Helden der Arbeit sehen sich und ihre Familien bald am Rande des Ruins. Unzufriedenheit macht sich breit. Immer mehr Menschen fliehen in den Westen. Selbst die Besatzer spüren, dass der Unmut wächst. O-Ton Kondratschow: On serveral occasions Ulbricht was informed by our side that the degree of discontent of the German population in East Germany is such, that it could lead to complications. Mehrmals haben wir Ulbricht darauf hingewiesen, dass die Unzufriedenheit der ostdeutschen Bevölkerung zu Komplikationen führen könnte. Dann stirbt Stalin. März '53: Taut jetzt das Eis des kalten Krieges? Die neuen Herrn im Kreml mühen sich um moderate Töne. Moskau zitiert die deutschen Genossen herbei. Und gibt die Order: weniger Sozialismus, mehr Konsum. Stalins Jünger Ulbricht ist wie vor den Kopf geschlagen, doch er muss sich fügen. Kommentarlos verkündet die SED am 11. Juni den Neuen Kurs. Die Nachricht schlägt wie eine Bombe ein. Muss die Regierung jetzt zurücktreten? Moskau will den Wechsel. Es war Ulbricht gesagt und war vorgesehen, Ulbricht wird abgesetzt, es war sogar Datum genannt, wann es geschehen soll, dass Ulbricht aus Führung entfernt wird. (Off): Das sollte im Juni geschehen Doch in diesem Juni überschlagen sich die Ereignisse. Mit keinem Wort nimmt die Partei die Normerhöhungen zurück. Das Maß ist voll. Die Bauarbeiter der Stalinallee gehen auf die Straße. Wo wir auch vorbeikamen, an Baustellen, alles reihte sich ein. Wir waren dann schon in zwölfer Reihen und da kamen schon die ersten Sprüche, Berliner reiht euch ein, wir wollen freie Menschen sein. 17. Juni Generalstreik: Spontan wird er zu einem Aufstand für die Freiheit. Wie ein Flächenbrand überzieht er in wenigen Stunden die gesamte DDR. Wütend zerstören die Menschen die Zeichen der Staatsmacht. O-Ton Homuth Der richtige Tumult - der begann erst am Potsdamer Platz. Das Kolumbushaus brannte, in den ersten Stock war die Volkspolizei da irgendwie mit einem Revier stationiert, die warfen ihre Uniformen raus und kamen mit Unterhemden raus, Hände hoch, gingen Richtung Westen. Jetzt geht es nicht mehr nur um Normen das ganze System steht am Pranger. Und seine verhassten Repräsentanten. Als Demonstranten die rote Fahne vom Brandenburger Tor herunterholen, fordern sie bereits die deutsche Einheit. O-Ton Schenk Es war sehr laut auch dann gegen Mittag als dann plötzlich die Nationalhymne gesungen, Einigkeit und Recht und Freiheit, es wurde sogar die erste Strophe gesungen, Deutschland, Deutschland über alles. Die Arbeiter tragen schwarz-rot-gold. Siegt die Freiheit? O-Ton Sandow Wir hatten nun gedacht, jetzt, jetzt ham wirs geschafft. Nicht, dass wir jetzt unsere Freiheit kriegen. Aber dann ging auch schon die Knallerei los, fingen die an zu schießen und mussten uns alle auseinander gestobt werden. Es blieb keiner mehr zusammen, damit es nicht zu dicht war. Es sind ja auch genug umgekommen, die liegen ja hier in, in der Seestraße auf dem Friedhof. Die Staatsmacht schlägt um sich. (O-Ton Rias steht frei: Lasst das Schießen sein. Ihr werdet eines Tages dafür zur Verantwortung gezogen) O-Ton Fritz Schenk Was mir heute noch eine Gänsehaut über den Rücken treibt, die Brutalität, mit der dann die Sicherheitsfunktionäre alles, was sie von den Demonstranten erwischen konnten, unten im Haus der Ministerien in den Keller trieb und verprügelt hat. Doch der Aufstand eskaliert. Das Volk beherrscht die Straße. Während sich die SED-Spitze bei der Sowjetmacht versteckt, ist die Volkspolizei nicht mehr Herr der Lage. Da springt der große Bruder in die Bresche. O-Ton Kondratschow We thought that we understood the situation much better, because the dangers from our point of view was not only for the East german regime, but also dangerous for the Soviet Union, because, if these demonstrations developed further, then we could risk war. Wir dachten, dass wir die Situation viel besser verstanden. Gefahr drohte aus unserer Sicht nicht nur für die DDR-Regierung, sondern auch für die Sowjetunion. Denn wenn sich diese Demonstrationen fortgesetzt hätten, dann hätten wir den Krieg riskiert. Moskau schickt Panzer. Mit Brechstangen und Steinen versuchen die Menschen verzweifelt, die stählernen Kolosse zu stoppen. Vergeblich. Der Aufstand wird niedergewalzt. Bilanz: Hunderte von Toten und Verletzten. Ein deutscher Schicksalstag. Der Westen wahrt Distanz. Zu groß ist die Angst vor Konfrontation. Während vielerorts Proteste weitergehen, herrscht Friedhofsruhe in Ost-Berlin. Die Partei will den Aufstand vergessen machen. Feinde solcher Harmonie sind rasch entlarvt (ironisch). O-Ton Der Augenzeuge: Die aus Westberlin eingeschleusten Provokateure wie dieser hier wurden verhaftet. Das war nicht das Werk demonstrierender Arbeiter. Das war das Werk von Banditen. Die Verhandlung, ich glaub es warn zehn Minuten hat die gedauert. Es gab keine Anklage, es gab kein, kein Rechtsanwalt, ich habe keine Anklageschrift gesehen, sondern da war nur das Urteil. Das für Tausende schon feststeht. Denn was Recht bestimmt die Partei. Ich hab fünf Jahre bekommen und hab vier Jahre abgesessen. Mit bunten Bildern müht sich die Partei, das trübe Antlitz des Regimes zu schönen. Nie wieder soll das Volk den Staat in Frage stellen. Er stand schon vor dem Sturz der Schock des Aufstands rettet ihn. War der 17. Juni umsonst? Das ist für mich ein Tag gewesen, überhaupt der erste Aufstand in einem sowjetisch besetzten Gebiet. ...Und das hat uns eigentlich stolz gemacht, dass wir da den Mut hatten dagegen aufzustehen. Lied: Wolf Biermann (steht frei)
- Anbieter
- Zolcer TV
- Jahr
- 2011
- Dauer
- 8:13 min
- Schlagworte
- Sergej Kondratschow, 1953, KGB, Offizier, Valentin Falin, Außenministerium, Heinz Homuth, Bauarbeiter, Stalinallee, Fritz Schenk, 1953, SED, Funktionär, Günter Sandow, DDR, Aufstand, Volksaufstand, Volk, Streik, Panzer , Histoclips
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